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Das Geschenk
 
Macross: Lynn Minmei
"Das Geschenk"


© by Sternenkratzer, April 2004

Das Geschenk

Auf meinem Bücherregal steht ein kleines Kästchen aus glatter, grauer Pappe. Es ist 10 cm breit, 5 cm tief und 5 cm hoch. Auf den Deckel ist eine rote Schleife aus dünnem, billigem Plastik geklebt.

Meine Schwester Sarah hat mir das Kästchen vier Tage vor meinem 18-ten Geburtstag geschenkt. Das Kästchen war leer, als sie es mir gab, und es ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich jemals erhalten habe.

Das war vor 28 Jahren.

Es begann mit einem Sonnenbad und einer Erektion.

*

Der 18. Juli 1976 war ein ungewöhnlich heißer Sonntag in einem ungewöhnlich heißen Sommer. Am Vormittag waren Sarah und ich Schwimmen. Nach dem Bad tauschte sie ihren einfarbig blauen Badeanzug gegen einen Bikini, dessen Weiß mit dem Sonnenbraun ihrer Haut und dem Schwarz ihrer langen Haare kontrastierte. Sarah war keine ausgesprochene Schönheit, und doch zog sie die Blicke nicht weniger Männer auf sich. Ich schwankte zwischen dem Stolz, ihr Begleiter zu sein, und einer sinnlosen Eifersucht.

Wieder Zuhause und nach dem Mittagessen suchte sie die große Patchwork-Decke aus dem Wäscheschrank hervor, packte einen Stapel Zeitschriften aus dem Wohnzimmer dazu, klemmte sich eine Flasche Gemüsesaft aus dem Kühlschrank unter den Arm und stolperte beladen in den Garten.

„Cremst du mir den Rücken ein?“, fragte sie mich im Vorbeigehen.

„Sicher“, antwortete ich.

„Die Sonnenmilch steht auf dem kleinen Tisch im Flur“, sagte sie.

Sarah war sonnenverrückt. Sie ließ keine Gelegenheit zum Sonnenbaden aus. Meine Vorhaltung, dass das nicht gut für die Haut sei, ignorierte sie.

Ich holte die Milch und trottete hinter ihr her. In der Mitte des Rasens breitete sie die Decke aus. Sie legte sich auf den Bauch, fummelte zwischen den Schulterblättern nach dem Verschluss ihres Bikinis und öffnete ihn. Die Bügel rutschten von ihren Schultern auf die Oberarme hinab.

Ich kniete neben ihr nieder. Vorsichtig schob ich das schwarze Haar aus ihrem Nacken und entblößte ihren Rücken.

Einzig die Stellen, wo der Bikini ihre Haut verdeckt hatte, waren noch nicht vollständig braun gebrannt. Ich verfolgte die hellen Linien mit meinen Augen. Von dort, wo sie den Nacken herunterliefen, über ihre Schulterblätter, zur Wirbelsäule, zur Seite, tiefer und zu ihren auf der Decke zusammengepressten, weißen Brüsten.

„Worauf wartest du?“, fragte sie. „Was ist so interessant an meinem Rücken, dass du ihn so anstarrst?“

„Entschuldige. Ich war mit meinen Gedanken woanders.“

Ich gab immer nur wenige Spritzer der Milch auf Sarahs Haut, bevor ich sie sorgfältig und langsam verrieb. Von ihrem Nacken aus arbeitete ich mich methodisch tiefer. Wir sind Geschwister, sagte ich mir. Sie zu berühren, sie mit Sonnenmilch einzureiben, daran ist nichts Schlechtes.

„Du bist ein guter Sklave“, sagte Sarah.

„Gewöhn dich nicht dran“, antwortete ich. „Einst wird die Revolution kommen.“

Sarah war nicht ganz zwei Jahre jünger als ich. Vor wenigen Wochen war sie 16 geworden. Meine Hände lagen auf der Rundung ihrer Hüften. Ich fragte mich ein weiteres Mal, wann es geschehen war, dass meine kleine Schwester sich in eine Frau verwandelt hatte.

„Aber nicht heute“, sagte sie.

So angenehm rund Sarahs Hüften waren, so erstaunlich schmal war ihre Taille. Es war eine Taille, die von Männerhänden umfasst werden wollte, eine Taille, die von Männerhänden festgehalten werden wollte. – Die Männerhände, die ich in meiner Fantasie sah, waren meine eigenen.

„Kirsten ist scharf auf dich“, sagte Sarah.

„Kirsten? Glaub ich nicht.“

„Hast du nicht bemerkt, wie sie dich heute Morgen im Schwimmbad angehimmelt hat? Richtig peinlich war das. Du brauchst nur zuzugreifen.“

„Kein Interesse.“

„Sie ist schön“, meinte Sarah. „Sie hat eine bessere Figur als ich.“

„Blödsinn“, sagte ich. Ich verspürte Ärger über ihre Worte in mir aufsteigen. Kirsten war blond, groß und jungenhaft schlank. Ihr fehlte in ihren Formen die Weiblichkeit, die Sarah auszeichnete.

„Blödsinn“, wiederholte ich. „Du bist viel hübscher.“

Sie drehte den Kopf und sah mit einem Lächeln zu mir auf.

„Du bist lieb“, sagte sie. „Gut aussehen tust du auch noch. Weißt du eigentlich, dass alle meine Freundinnen für dich schwärmen?“

Ich legte mich neben Sarah auf die Decke. Die Sonne stand unerträglich hell in einem wolkenlosen Himmel. Ich schützte meine Augen mit dem Unterarm.

„Mag sein. Aber ich nicht für sie.“

„Weshalb nicht? Dein Freund Marc …“, begann sie.

„Ich bin nicht Marc.“

Sie rückte näher an mich ran. Ihre Hand tastete sich über meinen Oberkörper und blieb auf meiner Brust liegen. Ihr Oberschenkel berührte mein Bein. Ihre Brüste rieben an meinem Arm. Ihr Atem strich an meiner Wange entlang.

„Glücklicherweise“, murmelte sie in mein Ohr. „Marc ist ein Ekel.“

„Ich weiß.“

Die Hand auf meiner Brust war heiß. Die Berührung an meinem Bein brannte. Die Brüste auf meinem Arm waren weich. Ich spürte den Stoff des Bikinis nicht. Vermutlich war er weggerutscht und sie hatte nicht darauf geachtet. Ich versuchte, meinen pochenden Herzschlag zu ignorieren und so ruhig wie möglich zu atmen.

Plötzlich lachte sie unterdrückt auf.

„Was ist?“, fragte ich.

„An wen denkst du gerade?“

„An niemanden. Weshalb?“

„Deshalb!“

Ich hob den Kopf. Sarahs Blick war auf einen Punkt unterhalb meiner Brust gerichtet. Ich war zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt gewesen. Ich hatte es nicht bemerkt, und die dünne Badehose hatte meine Erektion nicht verbergen können.

„Sag schon. An wen hast du gedacht? Sag’s deiner kleinen Schwester.“

„Kirsten“, log ich. Ich sagte es und wusste, dass mein Gesicht rot anlief. „Du hast sie selbst erwähnt.“ Schweißperlen rannen meine Stirn hinunter.

Sarahs Hand krallte sich zusammen. Ihre Fingernägel drückten schmerzhaft in meine Haut.

„Sie färbt ihre Haare, weißt du. In Wirklichkeit ist sie nicht blond, sondern brünett.“

„Nicht weiter schlimm“, sagte ich. „Eigentlich steh ich nicht so auf Blond. Auf gefärbtes schon gar nicht. Dunkel ist mir lieber.“

Sarah hatte wundervolles, samtschwarz glänzendes Haar. Weiches Haar, durch das man mit den Fingern streichen konnte. Langes Haar, in das man Zöpfe flechten konnte. Nur um sie wieder rauszukämmen und von vorne zu beginnen.

„Wie bei Agnes?“, fragte sie.

„Zum Beispiel. Ja.“

„Weshalb habt ihr euch eigentlich getrennt?“

Wir waren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen. Sarah hatte mit einem der älteren Jungs geflirtet. Als sie mit ihm einen Freundschaftskuss getauscht hatte, war ich aufgestanden und gegangen. Den Weg nach Hause war ich zu Fuß gelaufen. Agnes hatte ich vollkommen vergessen. Am nächsten Tag hatte sie mir eine Szene gemacht und ich hatte sie ohne Erklärung stehen gelassen.

„Ich weiß nicht. Es hat nicht sollen sein.“

„Agnes ist eine dumme Kuh“, sagte Sarah. „Wenn ich einen Freund wie dich hätte, ich würde dich nie wieder loslassen.“

„Wenn ich …“ Ich stockte. Wenn ich eine Freundin wie dich hätte, hatte ich sagen wollen. Ich griff nach einer der herumliegenden Zeitschriften und hielt sie mir über den Kopf.

„Brigitte“, las ich laut. „Das Magazin für Frauen.“ Das Titelbild zeigte eine braungebrannte, schwarzhaarige und wohlproportionierte Bikini-Schönheit.

*

Zum Abend zogen Gewitterwolken auf. Die Terrassentür des Wohnzimmers stand weit offen. Nur langsam wich die Wärme des Tages aus dem Haus nach draußen.

Ich schaltete den Fernseher ein. Um Viertel nach Acht wurde ein alter Schwarz-Weiß-Krimi aus der Stahlnetz-Reihe wiederholt. Die Tagesschau lief noch. Eine Blondine sprach von einem Jahrhundertsommer und ich stellte den Ton ab.

Sarah rumpelte die Treppe herunter.

„Ich geh noch kurz zu Kirsten rüber“, rief sie vom Flur zu mir herein. „Sagst du das Papa und Mama?“

„Sie sind nicht da“, rief ich zurück. „Sie sind zu Onkel Gerd gefahren.“

Die Haustür öffnete sich und schloss sich. Sarah erschien im Türrahmen. Sie trug ein blaues Batik-T-Shirt mit verwaschenen, hellen Kreisen. Es war eins meiner älteren Shirts; es war ihr zu lang und zu weit, und sie hatte es straff in den Bund ihrer Blue Jeans gesteckt.

„He! Dann brauche ich ja gar nicht zu flüchten! Was haben sie gesagt, wann kommen sie wieder?“

„Rate.“

Sie lachte. „Sie sind zu Onkel Gerd? Dann nicht vor Mitternacht und nicht nüchtern.“

Sie setzte sich neben mich auf die Couch. „Gucken wir uns den Krimi zusammen an?“

„Ich wollte ihn sehen. Danach kommt im Zweiten Olympia. Was du machst, weiß ich nicht.“

„Ich bleibe.“ Sie sah auf das Fernsehbild ohne Ton. „Die Berghoff sieht gut aus, findest du nicht? Jedenfalls besser als der Köpke. Hast du was zu knabbern?“

„Nein.“

Sie sprang auf. „Ich hol was. Was möchtest du? Chips? Salzstangen? Erdnüsse?“

„Salzstangen sind gut.“

Bevor sie in der Küche verschwand, fragte ich: „Möchtest du was trinken?“

„Ja! ’Ne Cola wär nicht schlecht.“

Im Wandschrank war neben der Einbaustereoanlage mit Radio und Plattenspieler ein mit Spiegeln verkleidetes Kühlfach eingelassen. Ich öffnete es. Ich griff nach der Cola-Flasche, zögerte und stellte sie zurück. Sarah mochte den schweren, süßen Rotwein. Ich selbst trank selten Alkohol, weil ich ihn nicht vertrug. Ich wurde zu schnell betrunken. Wenn, dann bevorzugte ich Weißwein. Ich nahm die beiden Weinflaschen und entkorkte sie. Von dem gläsernen Regal über dem Kühlfach nahm ich zwei Gläser, trug alles zum Couchtisch und schenkte ein.

Die Tagesschau endete. Die Wetterkarte folgte. Ich ließ den Ton aus und interpretierte die Symbole und Zahlen. Abkühlung in der Nacht, aber kein Regen.

Ich ging mit dem Glas in der Hand zur Terrassentür. Ich bezweifelte, dass der Wetterbericht Recht behalten würde. Der Himmel war von Horizont zu Horizont mit schwarzen, schweren Wolken bedeckt. Es war dunkel, windstill und ungewöhnlich leise. Manchmal wehte eine Bö, manchmal raschelte das Laub in den Bäumen und manchmal tschilpte ein einsamer Vogel.

Sarah rumorte in der Küche. Schranktüren klappten und Geschirr klirrte. Sie kam heraus und balancierte auf Händen und Armen eine Schale Kartoffelchips, ein Schälchen Erdnüsse und ein Glas Salzstangen.

„Papa wird merken, dass wir von seinem Wein getrunken haben“, sagte sie, als sie die Flaschen sah.

„Wir werden ihm das Übliche antworten“, sagte ich.

„Keine Ahnung?“, riet sie.

„Genau das: Wir haben keine Ahnung, wieso die Flaschen leer sind.“

Sie nahm das Glas mit dem Rotwein und trat zu mir. Ohne Schuhe reichte sie mir so gerade eben bis an das Kinn.

„Glaubst du, dass es regnen wird?“, fragte sie.

„Sieht danach aus. Der Wetterfrosch im Fernsehen behauptet was anderes.“

„Solange es nicht blitzt und donnert, ist es mir egal.“

„Hast du noch immer Angst bei Gewitter?“

Sie nickte. „Ich kann nichts daran ändern“, sagte sie. „Jedes Mal, wenn es donnert, zucke ich zusammen und denke dumme Sachen.“

„Dumme Sachen?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Haare fielen ihr vors Gesicht und sie schielte durch die Strähnen zu mir hoch. „Sowas wie: Darf ich dann zu dir ins Bett und mich an dich kuscheln? Wie früher?“

„Besser nicht“, sagte ich und sah weg.

„Mama hat es mir verboten“, sagte sie.

„Sie hat dir was verboten?“

„Zu dir ins Bett zu kriechen, wenn’s donnert. Vor zwei Jahren ungefähr. Sie meinte, ich wäre zu alt dazu.“

„Deshalb also“, sagte ich. „Ich hatte mich schon gewundert.“

Mehr als einmal war ich unruhig durch mein Zimmer gepirscht und hatte auf Sarah gewartet. Ich hatte mein Ohr an das Holz der Tür gepresst und nach dem Klappen ihrer Zimmertür gelauscht. Ich wäre in mein Bett gesprungen und hätte gelangweilt und genervt getan, ich hätte sie wegen ihrer Angst vor dem Donner aufgezogen, sie wäre in meinen Armen eingeschlafen und ich wäre glücklich darüber gewesen. Aber sie war nicht mehr gekommen. Nie wieder.

Vielleicht hatte meine Mutter bereits damals gewusst, dass ich ein schlechter Mensch mit schlechten Gedanken war, und ihr Verbot an Sarah zu mir ins Bett zu kriechen war bereits damals berechtigt gewesen. Und vielleicht war ihr Verbot trotzdem Jahre zu spät gekommen.

Der Krimi hatte angefangen. Wir gingen zur Couch und setzten uns. Als ich meinen rechten Arm auf der Lehne der Couch ausstreckte, rutschte Sarah dichter an mich heran. Sie bettete ihren Kopf an meiner Schulter. Meine Finger spielten mit ihren Haaren. Schweigend verfolgten wir die tonlose Abfolge der schwarz-weißen Bilder im Fernseher.

„Am Donnerstag wirst du 18“, sagte sie. „Wie fühlst du dich?“

„Wie sonst auch.“

„Ich hab noch kein Geschenk für dich.“

„Du musst mir nichts schenken.“

„Das sagst du jedes Jahr. Und ich schenke dir trotzdem immer was. Es muss etwas Besonderes sein. Schließlich wirst du 18.“

Sie streckte sich auf der Couch aus. Ihr Kopf lag auf meinem Bauch. Sie hielt die Augen geschlossen.

Ihr Gesicht war sanft und schön. Ihr Mund war leicht geöffnet. Ihre Lippen glänzten rot und feucht vom Wein. Ich musste mich nur vorbeugen und ihren Kopf anheben. Nicht viel, nur ein wenig. Dann würde ich sie küssen können. So wie ich Agnes geküsst hatte. So wie ich Kirsten küssen würde.

Sarah trug keinen BH. Ihre Brüste hoben und senkten sich im Rhythmus ihres Atmens. Die Konturen ihrer Brustwarzen drückten durch den Stoff des Shirts. Es war aus dem Bund ihrer Jeans gerutscht und entblößte ihren Bauchnabel. Mit dem Zeigefinger begann ich Kreise um ihn zu ziehen.

Wie würde Sarah reagieren, wenn ich meinen Finger höher wandern ließe? Unter ihr Shirt. Wenn mein Finger seine Kreise dort zöge. Wenn ich sie dort streichelte. Wenn ich meine Hand tiefer gleiten ließe. Unter den Bund ihrer Jeans. Wenn ich den Knopf öffnete. Wenn ich …

Ich griff mit der linken Hand nach meinem Glas. Erstaunt stellte ich fest, dass es leer war. Ebenfalls mit der linken griff ich nach der Flasche und füllte es neu. Vielleicht war das die Lösung. Sich zu betrinken.

„Es muss etwas Besonderes sein“, murmelte sie. „Etwas, das du dir wirklich wünschst.“

„Schick Kirsten zu mir. Wir werden uns schon was ausdenken.“

„Ich denke, du magst keine falschen Blondinen.“

„Tu ich auch nicht. Aber bei dem, was mir vorschwebt, ist die Haarfarbe ziemlich egal.“

„Hmpf“, machte Sarah. „Ich werde mit ihr reden. Vermutlich wird sie nicht einmal nein sagen.“

Ich schaltete den Ton des Fernsehers ein und versuchte, der Handlung zu folgen.

*

Es gelang mir nicht. Noch bevor der Krimi zu Ende war, entschuldigte ich mich bei Sarah, erhob mich und ging ins Badezimmer im Obergeschoss. Der Raum war kühl, das Deckenlicht grell. Ich hatte zuviel getrunken. Ich wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser. Ich setzte mich auf den Rand der Wanne und starrte ins Nichts der weißen Wandkacheln.

Das Beste wäre, Sarah in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten, vielleicht für immer aus dem Weg zu gehen. Älter zu werden und zu warten, bis meine Hormone sich beruhigt hatten. Vielleicht sollte ich tatsächlich mein Glück bei ihrer Freundin Kirsten versuchen. Oder bei Agnes. Agnes war nur wenige Monate jünger als ich. Vielleicht gab sie mir eine zweite Chance. Es würde mich ablenken und alles war besser als diese Gedanken über Sarah.

Ich hatte mehrmals von ihr geträumt. Morgens, kurz vor dem Aufwachen. Noch im Traum hatte ich gedacht: Das darfst du nicht! Das ist falsch! Wach auf! Aber ich wollte nicht aufwachen und ich träumte weiter und wachte auf aus den falschen Gründen. Ich hatte das Bettlaken gewechselt und meine Schlafanzugshose gesäubert.

Ich ging in mein Zimmer. Ich ließ das Licht aus und lehnte mich an die Wand neben dem geöffneten Fenster. Der Himmel war immer noch dunkel. Es regnete immer noch nicht. In der Ferne der erste Blitz. Der erste Donner.

Das Unwetter kam schnell näher. Ein starker Wind begleitete es. Die Äste der Bäume bogen sich, das Laub rauschte. Dann ein fürchterlicher Knall, als ob das Gewitter genau über unserem Haus wäre.

Meine Zimmertür öffnete sich.

„Komm rein“, sagte ich zu Sarahs Silhouette vor dem hellen Licht des Flurs.

Sarah trat zu mir ans Fenster. Es blitzte, es donnerte. Sarah zuckte zusammen. Ich legte meinen Arm um ihre Taille und zog sie an mich. Ich streichelte ihr Haar. Weiches, schwarzes Haar. Haar zum Streicheln, zum den Kopf hinein zu versenken, zum Riechen. Ich wusste, wie gut Sarah roch.

Der nächste Blitz erhellte Sarahs Gesicht. Ihre Augen waren traurig. Sie sollten nicht traurig sein, sie sollten lachen.

Ich wollte sie auf die Stirn küssen. Wie ein fürsorglicher großer Bruder. Aber sie bewegte sich. Sie hob mir ihren Kopf entgegen. Ohne dass ich es gewollt hatte, küsste ich sie auf den Mund. Sie schmeckte nach Wein.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, murmelte ich.

„Ich habe keine Angst“, flüsterte sie. „Nein. Doch. Etwas. Ein klein wenig.“

Sie schloss die Augen. „Kannst du das noch mal machen? Bitte? Es hilft.“

Meine Lippen glitten über die ihren. Länger. Sanfter. Zärtlicher. Niemals hätte ich gedacht, dass ihre Lippen so weich sein könnten.

„Das ist schön“, sagte sie leise.

Sie drängte sich an mich. Ihre Wange schmiegte sich an meine. Ihr Mund strich über meine Haut, ihr Atem kitzelte. Ihre Lippen wanderten höher zu meinem Ohr. Das Gefühl begann im Nacken, krabbelte die Wirbelsäule hinunter und brachte mich zum Zittern. Ich wünschte mir, sie würde nie damit aufhören.

Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und beugte ihren Oberkörper weit genug zurück, um mir ins Gesicht sehen zu können.

„Ich habe gelogen“, sagte sie. „Vorhin. Als ich sagte, ich hätte noch kein Geschenk für dich. Die Idee kam mir in einem Traum. Ich habe es dann vorbereitet. Weißt du, nicht ernsthaft, nur als gelebten Traum. Ich hatte nicht beabsichtigt, es dir wirklich zu geben. Aber daran gedacht habe ich. Sehr oft. Ich habe es mir ausgemalt. In allen Einzelheiten. Wie du reagieren würdest, was du sagen würdest, was du tun würdest. Ich wusste nicht, ob es dir gefallen würde. Es ist ein ziemlich egoistisches Geschenk, weißt du.“

Sie wandte ihr Gesicht ab und ihr Blick ging an mir vorbei.

„Ich wollte dir zu deinem 18-ten Geburtstag etwas Besonderes schenken“, sagte sie. „Kein Buch oder sowas, wie in den letzten Jahren. Etwas Besonderes. Etwas, das du dir wünschst, aus tiefstem Herzen. Der Traum hat mir eine Antwort gegeben, und plötzlich wusste ich es. Das richtige Geschenk, das perfekte Geschenk für dich. Aber dann habe ich mich gefragt, ob du es dir wirklich wünschst, oder ob ich es bin, die sich wünscht, dass du es dir wünschst.“

„Du sprichst in Rätseln“, sagte ich.

Sie löste sich von mir und machte einen Schritt von mir weg. Meine Hände fielen nutzlos geworden hinunter.

„Ich habe zuviel getrunken“, sagte sie. „Ich wollte zuviel trinken, weißt du. Weil ich sonst den Mut nicht aufgebracht hätte. Ich werde dir das Geschenk geben. Und wenn nicht heute, wann sonst? – Warte hier, ich werde es holen.“

Sie rannte aus dem Raum. Ich hörte ihre Zimmertür aufgehen, Sekunden später zugehen und dann war sie wieder bei mir.

In ihren Händen hielt sie ein kleines Kästchen. Sie streckte die Arme aus. „Herzlichen Glückwunsch zum 18-ten Geburtstag“, sagte sie.

Ich nahm das Kästchen. Es war aus billiger Pappe. Auf dem Deckel war eine einfache Schleife aus Plastik geklebt. Der Deckel lag nur lose auf. Ich hob ihn runter. Das Kästchen schien leer. Ich drehte es mit der Öffnung nach unten und hielt meine Hand darunter, falls etwas herausfallen sollte.

„Leer“, sagte ich verwirrt.

Sie nickte. „Ja. Das liegt daran, dass es nichts im Haus gibt, das groß genug für das eigentliche Geschenk wäre.“

„Ich verstehe nicht –“

Sie trat mehrere Schritte zurück. Sie zögerte.

„Es ist zu spät für einen Rückzieher“, sagte sie. Sie sprach mit sich selbst.

Sie fasste ihr T-Shirt am unteren Rand und zog es über den Kopf. Danach öffnete sie den Bund ihrer Jeans und drückte sie hinunter. So stand sie da. Im Halbdunkel. Nackt. Eine perfekte Schönheit mit herunterhängenden Armen, ängstlich gesenktem Kopf und langen, schwarzen Haaren.

„In meinem Traum bist du jetzt zu mir gekommen und hast mich in die Arme genommen“, sagte sie.

*

Das ist 28 Jahre her. Es war am 18. Juli 1976. Es war am Sonntag vier Tage vor meinem 18-ten Geburtstag. Nur einmal wurden unsere Zärtlichkeiten unterbrochen. Das war, als die Haustür klappte, weil unsere Eltern zurückkamen. Sarah verschwand lautlos in ihrem Zimmer, um, als es wieder ruhig im Haus geworden war, erneut zu mir ins Bett zu schlüpfen. Der Sex, den wir in jener Nacht hatten, war der Sex zwischen einem unerfahrenen 16-jährigen Mädchen und einem genauso unerfahrenen 18-jährigen Jungen. Er war nichts Besonderes. Und er war doch etwas Besonderes. Später schlief Sarah in meinen Armen ein.

Die Gewitterwolken waren weitergezogen, ohne dass es auch nur einen Tropfen geregnet hätte. Das Licht der Sterne erhellte mein Zimmer und Sarahs Gesicht. Ich betrachtete sie lange. Sehr lange. Das Gefühl, das ich hatte, während ich sie betrachtete, ist ein weiterer Grund, weshalb ich diese Nacht nie vergessen werde. Niemals davor und niemals danach habe ich ein solch tiefes Gefühl der Liebe verspürt.

Das Kästchen habe ich aufbewahrt. Es steht auf meinem Bücherregal. An der Seite. Es ist so unscheinbar, dass die meisten es übersehen oder nicht der Erwähnung Wert finden. Es ist leer.

Ich weiß, dass ich es nie wegwerfen werde.




Macross: Lynn Minmei

Ende
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