Sternenkratzers Geschichten

Sternenkratzers Geschichten
Romantik und Erotik
Die Rose
Download (PDF, 125 KB)
Gästebuch
Kontakt

 
Die Rose
.
Ah! My Goddess: Peorth
"Die Rose"


© by Sternenkratzer, August 2003


- inspiriert von Eva Schusters "Engelschrei" -
.
1

Sie saß in der Reihe vor mir. Sie hielt ihren Oberkörper unnatürlich gerade und aufrecht. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß, ihr Blick war unverwandt auf den Lehrer und die Tafel gerichtet.

Ihre Haare trug sie streng zurückgebunden und zu einem straffen Zopf geflochten. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen dunkel. Ihr Mund war schmal und er lächelte nie. Sie war auf ihre Art hübsch und meine Gedanken beschäftigten sich intensiver mit ihr als es gut für mich war.

Sie bückte sich und öffnete ihre Schultasche. Sie zog ein Buch hervor. Etwas fiel zu Boden. Es war eine einzelne, in knisterndes Seidenpapier eingewickelte rote Rose. Vorsichtig hob sie sie auf und legte sie zurück.

Es war die letzte Stunde. Als es läutete, packte sie ihre Sachen und verschwand, wie immer nach dem Unterricht, sehr schnell. Niemand schenkte ihr mehr Aufmerksamkeit als nötig. Niemand sagte „Bis morgen!“ zu ihr.

Sie fuhr quer durch die Stadt, rollte die Dotzheimer Straße hinunter, bog am Loreleiring ab und folgte der Umgehungsstraße. Es ging über die Eisenbahnbrücke, vorbei am Hallenbad der Stadtwerke bis zum Stadtrand. Neben einem Tor in einer langen, roten Ziegelwand stoppte sie und stellte ihr Rad ab. Sie öffnete die Tasche und nahm die Rose heraus.

Ich versuchte nicht weiter, mich vor ihr zu verbergen. Ich bremste und kam neben ihr zu stehen. „Die Rose“, fragte ich, „für wen ist sie?“

Sie sah mich an. Sie sagte kein Wort. Stattdessen hob sie die Rose hoch vor die Brust, drehte sich, trat auf das Tor zu und durch es hindurch.

Ich brauchte keine Antwort. Ich kannte sie bereits. Denn das Tor, durch das sie ging, war das Tor zum städtischen Friedhof.

Ende
Top