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Männer in Schwarz
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Männer in Schwarz
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"Männer in Schwarz"

© by Sternenkratzer, Mai 2002

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Das Telefon klingelte.

"Birgit. Birgit Staller. ... Du erinnerst dich an mich? ... Ich bin zufällig in der Stadt und da fiel mir ein, dass du hier wohnst und ich dachte ... Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, aber ... Heute Abend, ja. ... Im Bahnhofshotel. ... Bis dann!"

Ich legte den Hörer wieder auf.

Birgit Staller. Wie lange war das her? 20 Jahre? Eher mehr. Ich rechnete im Kopf nach und kam auf eine Zahl nahe der 30.
Ich war damals mit ihrer Schwester zusammen gewesen. Conny. Cornelia. Ein großes, schlankes Mädchen mit langem, dunkelblondem Haar. Sie 15, ich 17 - ihre Schwester Birgit müsste zu der Zeit so um die 12 oder 13 gewesen sein. Kleiner, rundlicher, mit Babyspeck, gewiss, aber insgesamt schon fraulicher in ihren Formen als die ältere Conny. In den folgenden Jahren hatte ich beide einige wenige Male wiedergetroffen und sie hatten sich nicht zu ihrem Nachteil verändert. Dann war ich aus der norddeutschen Provinz in eine süddeutsche Landeshauptstadt gezogen. Der Beruf hatte es gewollt und es hatte sich gelohnt.

Weshalb meldete sie sich nach all diesen Jahren? Vielleicht stimmte es, dass sie zufällig in der Stadt war. Vielleicht stimmte es, dass sie sich plötzlich an mich erinnert hatte. Vielleicht - vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte sie Hintergedanken. Vielleicht versuchte sie, eine verpasst geglaubte Chance der Vergangenheit einzuholen. Manche Menschen wurden seltsam, wenn sie älter wurden und sich an ihre Jugend erinnerten.

Ihre Stimme war ein angenehmer, reibender Alt gewesen. Dazwischen ein paar hellere Lacher. Sympathisch. Weiblich. Vielversprechend.

Waschen, rasieren, Deo, After Shave. Welche Hose, welches Hemd, welche Jacke? Der zwanglose Lederblouson, oder doch lieber ein Jackett? Gar das teure aus italienischem Ziegenleder?

Ob sie noch so aussah, wie ich es in Erinnerung hatte? Wenn nicht ... Einen Versuch war es wert und sie gegebenenfalls abblitzen zu lassen dürfte kein Problem sein.

Bus oder Auto? In der Stadt benutzte ich meist den Bus. Die 12 fuhr alle 10 Minuten in Richtung Bahnhof. Andererseits sorgte mein Porsche für Eindruck. Selbst denjenigen, die sich über Männer und Sportwagen mokierten, imponierte es, wenn ich erklärte, dass er ein Oldtimer mit einer niedrigen Seriennummer war und dass ich regelmäßig zu den von dem Hersteller organisierten Treffen eingeladen wurde. Die Vorstellung, in einem eleganten, offenen Wagen an einer Zusammenkunft der vermeintlichen High Society teilzunehmen, faszinierte speziell die Frauen und war ein sicherer Weg für mich, bei ihnen Pluspunkte zu sammeln.

Ein Blick durch die Wohnung. Sie war sauber, aufgeräumt, und das Bett war frisch bezogen. Auf dem Beistelltisch neben der Couch standen Gläser und eine Flasche Wein. Das Alles nur für den Fall, dass sich die Verabredung später am Abend hierher verlagern sollte. Es konnte nicht falsch sein, sich diese Option offen zu halten.

Ich betrachtete mich im Spiegel und lächelte. Ich war älter geworden, aber ... 

Das Telefon klingelte.

"Conny. Cornelia Hartmann. ... Cornelia Staller. Du erinnerst dich? ... Meine Schwester ... Ja, Birgit. Sie ruft mich fast jeden Tag an und erzählt mir, was sie so tut und was sie vorhat. ... Du hast sie lange nicht gesehen, oder? ... Es gibt da ein paar Dinge, die du wissen solltest. Deshalb habe ich mir von der Auskunft deine Nummer raussuchen lassen. ... Achte darauf, dass sie mit dem Rücken zur Wand sitzt. ... Wegen den Männern in Schwarz. ... Nein, nein, sie glaubt nicht an Außerirdische. Aber an die Männer in Schwarz glaubt sie. ... Sei vorsichtig mit dem, was du sagst, hörst du? Ihre Stimmungen wechseln oft. ... Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. ... Der Arzt hat ihr Tabletten verschrieben, aber sie nimmt sie nicht. ... Und sie regt sich schnell auf. Vor allem, wenn es nicht so läuft, wie sie will, und ich weiß, dass sie besondere Vorstellungen von dem heutigen Abend hat. ... Ja - sie wird dann aggressiv und hin und wieder schlägt sie auch zu. Und glaub‘ mir, da steckt Kraft dahinter. ... Obwohl Kraft nicht der richtige Ausdruck ist. Gewicht wäre passender. ... Bitte. Keine Ursache. Schließlich ist sie meine kleine Schwester."

Ich legte auf.

Ich setzte mich auf die Couch im Wohnzimmer und starrte Löcher in die Luft.

"Ach du liebes Bisschen", murmelte ich. "Ach du liebes Bisschen!"
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Ende
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