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Die Ertruserin
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Die Ertruserin
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"Die Ertruserin"


© by Sternenkratzer, Dezember 2000


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1

Diese Geschichte handelt von einem Mann, der eine Reise macht. Und wie wir alle wissen: Wer eine Reise macht, der kann was erleben.

*

Fütterungszeit, dachte Canon. Er schwang die Beine aus der Koje. Monsterzeit.

Die Abendessen gehörten zu den wenigen Höhepunkten seiner Reise. Canon wusste, dass er seinen Mitpassagieren unrecht tat; und doch: sie zu beobachten, bereitete ihm ein heimliches und irgendwie abartiges Vergnügen.

Er griff nach seiner Jacke. Er wollte auf den Korridor hinaustreten. Er tat einen Schritt vor und stoppte gerade noch rechtzeitig, bevor sein Fuß eine nicht sichtbare Schwelle überquerte. Er fluchte lautlos. Außerhalb seiner Kabine herrschte eine mehr als dreifach höhere Schwerkraft. Die Vorfreude hatte ihn die einfachsten Maßnahmen vergessen lassen. Er fummelte an den Kontrollen seines Regulators. Eine grüne Kontrollleuchte glomm kurz auf. Erst danach wagte Canon einen neuen, vorsichtigen Versuch, die Kabine zu verlassen. Zufrieden registrierte er, dass der Regulator seinen Dienst tat und die Schwerkraft auf das richtige Maß herabsetzte.

Er orientierte sich an den farbigen Streifen an der Wand und folgte dem, der zur Messe führte. Er fühlte sich klein auf dem Gang, der fast doppelt so breit und hoch war wie auf den Schiffen, die er gewohnt war. Canon war allein. Die Kabinen in diesem Teil des Schiffes standen leer. Sie waren für Menschen seines Typus ausgelegt, und ein Passagier wie er auf einem Schiff wie diesem war selten in diesen Zeiten. Er bezahlte gut für die Passage, trotzdem hätten seine Mitpassagiere es lieber gesehen, er hätte die Essen in seiner Kabine eingenommen. Sie sagten es nicht, aber sie empfanden seine Anwesenheit in den Gemeinschaftsräumen als Provokation.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dachte Canon. Der Krieg liegt in der Luft.

Vor dem Schott zur Messe blieb er stehen. Er hob die Hand und berührte den Öffnungskontakt. Das Schott glitt auf.

Das laute Murmeln eines mit Menschen gefüllten Raumes schlug ihm entgegen. Canon trat ein und ging durch die Tische. Das Murmeln verstummte. Als Canon den mit einer dicken roten Linie abgegrenzten Bereich erreichte, war es totenstill im Raum geworden. Alle Blicke lagen auf ihm.

Canon schaltete den Regulator aus. Die Schwerkraft hinter der roten Linie war seinen Bedürfnissen angepasst. Der Tisch und die Stühle waren auf seine Größe zugeschnitten. Im Vergleich mit den klobigen Möbeln im Hauptsaal wirkten sie wie zerbrechliches Kinderspielzeug.

Er setzte sich und musterte scheinbar intensiv das Bedienungspaneel der Essensausgabe. In Wirklichkeit beobachtete er aus den Augenwinkeln die Riesen an den Tischen. Sie begannen zu flüstern. Das Flüstern wurde zu einem Raunen. Canon grinste. Er verstand ihre Worte nicht, aber er hatte eine sichere Vorstellung davon, über welches Thema und über wen sie sprachen.

Er tastete seine Bestellung. Dann lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Zu seinem Vergnügen wichen die Riesen, die ihn bis jetzt wie ein seltsames Etwas angestarrt hatten, seinem Blick aus. Sie widmeten sich wieder dem Essen.

Und was sie verputzen!, dachte Canon erstaunt. Die Essensausgabe lieferte ununterbrochen ganze Rinderviertel. Rinderviertel von Rindern, die der Größe der Riesen entsprachen. Die Riesen packten sie mit ihren Händen und verspeisten sie, als ob es Imbisse wären. Natürlich kannte Canon die Besonderheiten ihres Metabolismus, aber etwas theoretisch zu wissen und die Folgen praktisch zu sehen, dass waren zwei sehr verschiedene Dinge.

Canons Lieblinge waren die Frauen unter den Passagieren. Sie standen den Männern an Größe und Massigkeit kaum nach und sie aßen genausoviel. Seine besondere Favoritin war eine junge Frau an einem abseits gelegenen Tisch. Sie war etwas kleiner und schmächtiger als die anderen. Trotzdem war sie noch zwei Köpfe größer als Canon selbst und doppelt so breit in den Schultern.

Die Ausgabe seines Tisches öffnete sich und schob einen Teller vor.

Auf dem Teller lag ein gigantisches Steak.

Canon sah es an und seufzte. Er fragte sich, ob er diesem Fleischberg gewachsen war..

2
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Canons Blick ruhte auf der jungen Ertruserin. Ihre Physis war dem Leben in einer hohen Schwerkraft angepasst. Bei jeder Bewegung spannten sich ihre Muskelstränge deutlich sichtbar unter der eng anliegenden Kleidung.

Meine letzte Verabredung mit einer Frau liegt ein gutes halbes Jahr zurück, dachte er wehmütig.

Doch eine leichte Berührung von dieser Frau hätte blaue Flecken zur Folge. Ein freundschaftlicher Stupser würde ihm die Rippen brechen. Eine zarte Umarmung würde ihn zerquetschen.

Die Ertruserin erhob sich. Canon schob seinen leeren Teller zur Seite und ging ihr unauffällig hinterher. Fasziniert beobachtete er, wie das weibliche Monster stampfend sein tonnenschweres Gewicht bewegte. Die Riesin war nicht fett, in keinster Weise, und sie war sehr eindeutig eine Frau, aber die Proportionen ihres Körpers waren anders. Ihre Schenkel hatten den gleichen Umfang wie Canons Oberkörper. Ihr Becken hatte eine Breite, die Canon erschauern ließ. Ihre Brüste waren von blickfangender Enormität. Ihr Rücken war eine mit Muskeln gepanzerte Wand. Ihre Arme hätte Canon nicht mit beiden Händen umfassen können. Ihre Hände wiederum waren wie überdimensionierte Schaufeln. Ihr kleiner Finger war größer als …

Ein Alarm schrillte und riss Canon aus seinen Gedanken. Er blieb stehen. Er erkannte die Signalfolge. Evakuierungsalarm!

Canon hatte zuviel Zeit an Bord von Raumschiffen verbracht, um lange darüber nachzudenken. Er drehte sich, suchte die richtige Markierung an den Wänden und rannte los.

Er fand den Zugang zu den Rettungsröhren. Er zerschlug die Schutzabdeckung des Öffnungsschalters und drückte ihn. Eine Klappe fiel zur Seite. Canon sprang in die Röhre. Sofort erfassten ihn die autonom gesteuerten Felder und jagten ihn dem Ziel entgegen. Augenblicke später fiel er aus der Röhre heraus und in ein Fangnetz. Die Aufhängung des Netzes drehte sich unter dem Schwung seines Aufpralls. Das Netz kam über dem Boden zu stehen. Canon konnte ohne Probleme herausklettern.

Die roten Pfeile, die zu den Rettungskapseln führten, waren nicht zu übersehen. Canon folgte ihnen. Er lief zu der ersten freien Öffnung mit der Nummer 101 und stieg hinein. Seine Hand schwebte über dem Auslöser. Doch Canon zögerte. Die Kapseln waren für mehrere Personen gedacht.

Es gab mehrere Evakuierungssysteme an Bord. Canon hatte automatisch das mit der Kennzeichnung für Erdgeborene gewählt. Die Kapsel, in der er stand, entsprach deshalb seiner Größe. Und da er der einzige Mensch an Bord war, würde niemand mehr kommen.

Seine Hand senkte sich. Ein Rascheln ließ ihn erneut zögern.

Ein Körper fiel aus der Röhre in das Fangnetz.

Canon registrierte verblüfft, dass es die junge Ertruserin aus der Messe war. Er vermutete, dass sie gesehen hatte, wie er in der Rettungsröhre verschwunden war. Mangels besseren Wissens war sie ihm einfach nachgesprungen.

„Hierher!”, schrie er. „Wir müssen uns beeilen!”

Sie rappelte sich auf und folgte seinem Ruf.

„Wo sind die anderen?”, fragte sie mit dröhnender Bassstimme.

„Bei den richtigen Kapseln”, erwiderte Canon. „Kommen Sie schon! Wir müssen hier weg!”

„Mit Ihnen?”, fragte sie ablehnend. „In so einer kleinen Kapsel?”

„Entweder”, sagte Canon ungehalten, „kommen Sie jetzt herein, oder ich verschwinde ohne Sie. Sie können es sich aussuchen.”

„Das würden Sie wirklich fertig bringen, nicht wahr?”, bemerkte sie spitz. Aber sie kletterte durch die für sie enge Öffnung.

Canon schüttelte kurz den Kopf. Dann schlug er mit der Faust auf den Auslöser. Das Schott der Kapsel fiel dicht. Eine Sprengvorrichtung riss sie aus ihrer Halterung. Canon stolperte und fiel gegen die Ertruserin. In einem Reflex schubste sie ihn von sich. Canon flog durch die Kapsel und prallte schmerzhaft gegen die Innenwandung. Er ignorierte das Stechen in seiner Seite und trat an das Bullauge. Er suchte das Schiff. Es war ein lichtblinkender Schatten vor den Sternen. Es wurde schnell kleiner. Ein Feuerwerk aus blauen Blitzen überzog seine Hülle. Das Schiff leuchtete von innen heraus, um dann zu verdunkeln.

Canon hatte von diesem Effekt gehört. Die mehrdimensionale Energie des Antriebs war auf das Schiff übergeschlagen. Es war verloren.

„Habe ich Sie verletzt?”, fragte seine unfreiwillige Begleiterin besorgt. „Das wollte ich nicht.”

Canon sah sie an und seufzte. Irgendwie würden sie sich schon arrangieren.

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Zwölf Stunden nach dem Ausbleiben der obligatorischen Standortmeldung der VIRGIN informierte die Reederei die offiziellen Stellen.

Weitere zwölf Stunden später wurde die 69. Flotte des Solaren Imperiums in Marsch gesetzt. Der Umstand, dass die politische Lage zwischen dem Solaren Imperium und Ertrus als angespannt bezeichnet werden musste und dass sich genau ein Terra-Abkömmling an Bord befand - und dass dieser einen eher bedenklichen Lebenslauf aufwies - ließ die Entscheidung der Admiralität zum Entsandt einer ganzen Flotte als angemessen erscheinen. Allein der Verdacht auf Sabotage durch einen irdischen Extremisten hätte die Beziehung zwischen dem Imperium und Ertrus endgültig aus ihrem labilen Gleichgewicht bringen und zum Ausbruch eines Krieges führen können.

Ein allgemeiner Rundruf wurde abgesetzt. Dieser wurde von der KANE 2, einem von zwei Schiffen der privaten Frachtlinie Kane Logistics (Limited), aufgefangen. Kapitän Joseph Kane entschloss sich, an der Suchaktion teilzunehmen. Über die konkreten Gründe für diese Entscheidung ist nichts bekannt. Vermutlich hoffte Kapitän Kane, die VIRGIN als erster zu finden, um so ein entsprechend hohes Bergungsgeld einstreichen zu können.

Das Suchraster der 69. Flotte basierte auf statistischen Analysen früherer Schiffsunglücke und wies deshalb die höchste Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg auf. Kapitän Kane entschied, ein eigenes Suchraster, erstellt aufgrund einer Schlimmster-Fall-Annahme, abzufahren.

Die VIRGIN hatte das Pech, dass der Kollaps des Antriebs das Schiff 22 Lichtjahre von der projektierten Route abweichend in den Normalraum zurückwarf. Die Passagiere und die Besatzungsmitglieder, die es in die Rettungskapseln geschafft hatten, hatten insofern Glück, dass die lichtschnellen Signale der Notsender der Kapseln neun Tage nach der Katastrophe von der KANE 2 aufgefangen wurden. Die KANE 2 gab die Ortungs- und Navigationsdaten sofort an die 69. Flotte weiter.

Die KANE 2 begann mit der Bergung der Rettungskapseln. Darunter war auch die Kapsel mit der Nummer 101.

Die KANE 2 fand außerdem die VIRGIN. Allerdings weigerte sich die Reederei, die Bergungskosten für das ausgeglühte Wrack zu übernehmen.

Was während der neun Tage im Innern der Kapsel 101 geschah, ist nur fünf Personen bekannt..

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Nachdenklich betrachtete Kapitän Joseph Kane das gelbe Metallkästchen auf seinem Schreibtisch. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Die Angelegenheit war zu verrückt.

Der Türsummer sprach an.

„Komm rein, Archer.”

Das Schott fuhr auf und Canon Archer trat humpelnd ein.

Archer, wir müssen reden.” Joseph warf einen Speicherkristall durch die Luft. Canon fing ihn auf. Die plötzliche Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Er verzog das Gesicht. Vorsichtig und sich die Seite haltend setzte er sich in den leeren Stuhl vor dem Schreibtisch.

„Worüber? Und was ist das?” Er zeigte den Kristall.

Joseph lehnte sich zurück. Er verschränkte die Hände im Nacken und starrte an die Decke. Er gab sich keine Mühe, sein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken.

Archer, ich habe dich schon oft aus der Scheiße geholt. Aber was du dir dieses Mal geleistet hast …”

„Ich weiß nicht, was du meinst.” Canon drehte den Speicherkristall in seinen Händen. „Was ist da drauf?”

„Du weißt nicht viel über Rettungskapseln, vermute ich.”

„Heute mehr als vor zwei Wochen”, gab Canon trocken zurück.

„Der gelbe Kasten auf meinem Schreibtisch ist ein Flugrekorder. Er zeichnet solche Dinge auf wie Systemdaten, Funksprüche und sowas.” Joseph machte eine Kunstpause. „Dieser da hat auch eine Video- und Audiospur.”

„Interessant”, sagte Canon, der nicht die geringste Ahnung hatte, worauf sein alter Freund hinauswollte.

Joseph ließ die Bombe platzen: „Dieser spezielle Rekorder stammt aus der Kapsel 101.”

Canon blinzelte. Er setzte sich ruckartig und senkrecht auf.

„Das ist nicht wahr!”, entfuhr es ihm.

„Doch, ist es. Mein Erster Offizier ist nicht nur sehr pflichtbewusst, er zeichnet sich auch durch eine gesunde Neugierde aus. Er hat sich die Aufzeichnungen des Rekorders angesehen. Danach hat er ihn zu mir gebracht. Und ich habe jetzt ein Problem.”

Joseph beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf dem Schreibtisch ab. Er musterte Canon mit zusammengekniffenen Augen.

„Was soll ich mit dir machen, Archer? Und mit diesem Rekorder?”

„Es ist alles da drauf?”, vergewisserte sich Canon. „Die ganzen neun Tage?”

„Ja. Alles. Aus verschiedenen Blickwinkeln und in hervorragender Qualität, wenn ich das sagen darf. - Der Speicherkristall enthält eine Kopie der Daten. Es ist die einzige Kopie. Ich würde dir empfehlen, sie entweder zu löschen oder mit einem Code zu versehen.”

Canon schwieg ein paar Sekunden. Vorsichtig fragte er: „Was ist mit dem Rekorder?”

„Drei Personen kennen den Inhalt des Rekorders. Ich, mein Erster Offizier und der Doc. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass alle Beteiligten aus freiem Willen gehandelt haben und nicht unter Druck gesetzt wurden. Und abgesehen von ein paar blauen Flecken und ein paar angeknacksten Rippen wurde erstaunlicherweise niemand ernsthaft verletzt. Eine Weitergabe des Rekorders ist unserer Meinung nach deshalb nicht notwendig. Ich werde ihn versiegeln und einlagern lassen. Nur für den Fall der Fälle. Ansonsten werde ich seine Existenz abstreiten, wenn mich jemand fragen sollte.”

„Mehr kann ich wohl nicht erwarten”, murmelte Canon.

Joseph betrachtete seinen Freund. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf und sagte mit einem undefinierbaren Unterton in der Stimme: „Mensch, Archer - diesmal hast du wirklich den Vogel abgeschossen.”.

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Vielleicht sollte zum Abschluss noch erwähnt werden, dass es ein paar Monate später in einer ertrusischen Familie zu einem handfesten Krach kam.

Die Tochter des Hauses weigerte sich dennoch standhaft, den Namen des Vaters ihres Kindes preiszugeben.

Es wäre ihr - irgendwie - peinlich gewesen.

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Ende
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