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Eine Frage der Ehre
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Eine Frage der Ehre
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Nuku

Eine Frage der Ehre

 

Eine Erzählung aus dem Perry-Rhodan-Universum


© by Sternenkratzer, März 1999

 


1.  

In einer Ecke des Arbeitszimmers stand eine mannshohe, abstrakte Holographie. Ronald Tekener betrachtete die verwirrenden Strukturen lange und intensiv. Schließlich sagte er: "Kopfschmerzen. Davon bekommt man Kopfschmerzen."

Dao-Lin-H'ay reagierte nicht.

Tek seufzte lautlos. Provozierend langsam setzte er sich in den leeren Sessel vor dem Schreibtisch. Er streckte die Beine aus und ließ die richtige Anzahl Minuten verstreichen, bevor er fragte: "Weshalb Agos-Cal? Laut Datenblatt wirtschaftlich und strategisch uninteressant. Keine Besserung zu erwarten. Weshalb also?"

Sie antwortete, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. "Agos-Cal ist ein kulturelles Zentrum. Steht ebenfalls in den Datenblättern."

"War ein kulturelles Zentrum", korrigierte Tekener. "Heute haben die Bewohner eher den Ruf einer gewissen Verschrobenheit. Die meisten Kommentare, die ich gelesen habe, drückten sich allerdings nicht ganz so vornehm aus."

Dao-Lin schob die Unterlagen zur Seite. Sie sah ihn aufmerksam an. "Die kartanische Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch. Agos-Cal entzieht sich der allgemeinen Entwicklung durch eine selbstauferlegte Isolation. Es sollte dir klar sein, dass wir das im Zuge der Gesamtplanung nicht akzeptieren können."

"Ein schwaches Argument. Die Zeit spricht gegen eine dauerhafte Isolation."

"Es ist die offizielle Begründung. Die inoffizielle gefällt dir vielleicht besser. – Ich bin die Dao-Lin-H'ay. Mein Ansehen unter den Kartanin ist beträchtlich. Du bist der Ronald Tekener und auch dein Ansehen ist hoch. Wir beide zusammen jedoch –"

Jetzt seufzte er laut. "Das alte Lied. Selbst hier in unserer direkten Umgebung würden mich viele lieber am anderen Ende der Milchstraße sehen."

"Die Bevölkerung von Agos-Cal hat die Isolation gewählt, um die alten Werte aufleben zu lassen. Dazu gehört unter anderem ein ausgeprägter Ehrbegriff. Ich bin eine Kartanin. Meine Ehre steht außer Frage. Du jedoch bist ein Nicht-Kartanin und besitzt per Definition keine Ehre. Wenn dir auf Agos-Cal Ehre zuerkannt und wenn unser Zusammenleben als ehrenvoll anerkannt wird, dann hat das Auswirkungen auf alle anderen Kartanin. Unsere Arbeit würde auf Dauer einfacher werden."

Er sah sie zweifelnd an. "Wie willst du's erreichen? Das Übliche? Ein bisschen Geld hier, 'ne kleine Drohung dort, wenn nötig?"

"Da ich um deine altruistische Ader weiß, werde ich dem Museum deine Waffensammlung stiften. – Lass dich überraschen. Du wirst eine Seite an uns Kartanin kennen lernen, die dir neu sein wird. Vertrau mir einfach. Falls ein haarloser Affe wie du einer Katze wie mir vertrauen kann."

Er grinste. "Fällt mir schwer. Aber ich werd's versuchen."

2.  

Hätte ich doch nur in die Zukunft sehen können.

Niemals hätte ich den Blues-Raumer verlassen. Niemals hätte ich auch nur einen Fuß auf diese Welt gesetzt.

Ich hatte kein Geld, damals, also suchte und fand ich Arbeit. Seit zehn langen Jahren kroch ich nun tagtäglich durch die stinkende Kanalisation der Stadt und reinigte die Röhren vom Dreck der Kartanin. Meine Kollegen waren Roboter und hin und wieder Kartanin, die an den seltsamen Regeln ihrer Gesellschaft gescheitert waren. Sie sprachen nicht mit mir. Denn, obwohl sie die Niedrigsten unter ihrem Volk waren, so standen sie doch weit über mir, dem haarlosen Affen.

Ich überlebte sie alle.

Meine beste und einzige Freundin Mia-Lee versuchte, es mir zu erklären.

*

In jedem Ort gab es einen Platz, in dessen Mittelpunkt eine mit Wasser gefüllte, überdimensionierte Trinkschale stand. Schmucklos, ohne Ornamente oder Verzierungen anderer Art. Oft wurde die Schale gehalten von zwei Kartaninhänden.

Die Plastik gilt als Sinnbild der kartanischen Kultur. Ihre Symbolik umfasst insgesamt 31 direkte Deutungen, die so genannten Bilder. Dazu gehören hunderte von Kommentaren und tausende von Kommentaren zu diesen Kommentaren.[1]

Das erste Bild: Die Hände der Kartanin formen die Erde zu einer Schale. Also beherrschen die Kartanin die Welt.

Das zweite Bild: Die Kartanin trinken aus der Schale. Also erheben sich die Kartanin über die Tiere.

Das dritte Bild: Das Wasser ist Leben. Die Schale ist Erde. Die Hände formen die Erde. Dies sind die Ehre, das Herz und der Geist.

Das vierte Bild: Das Wasser ist Leben. Die Schale hält das Wasser. Die Hände halten die Schale. So ist die Ehre das Innerste der Kartanin, das Herz die Mitte und der Geist das Äußere. Also ist die Ehre das Leben, das Herz der Vermittler und der Geist der Ausführende.

Das fünfte Bild: Das Wasser ist Leben und doch ist die Art des Wassers einfach. Deshalb ist die Schale einfach: sie ist nur ein Gefäß und darf sich nicht anmaßen, mehr zu sein als der Inhalt. Die Hände halten die Schale. So ist auch die Ehre einfach in ihrer Art, das Herz nur ein Gefäß für die Ehre und der Geist das Mittel, das diese beiden hält.

Das sechste Bild: Die Schale ist leer. Ohne Wasser erfüllt die Schale keinen Zweck. Die Hände halten nichts. So ist das Herz nichts ohne die Ehre, der Geist ist nichts ohne das Herz. Also ist die Kartanin nichts ohne die Ehre.

Das siebte Bild: Die Schale bricht und hält kein Wasser mehr. So stirbt auch die Kartanin ohne Ehre.

Und so fort.

*

Ich überlebte sie alle, weil der soziale Druck auf ihnen zu groß war. Sie hatten ihre Ehre verloren. Ein unausgesprochener und doch allgegenwärtiger gesellschaftlicher Zwang lastete auf ihnen, der schließlich nur den einen, den letzten, konsequenten Schritt übrig ließ: den rituellen Selbstmord[2].

Mein Vorteil war, dass ich nach allgemeiner und offiziell bestätigter Ansicht keine wahre Ehre besaß oder je besessen hatte oder jemals besitzen würde. Folglich konnte ich sie nicht verlieren und war deshalb bestens geeignet, die Schmutzarbeit zu erledigen.

3.  

In den ersten Wochen war ich ein Gast gewesen, der zuvorkommend und freundlich behandelt wurde. Doch dann entschied ich mich – notgezwungen – zu bleiben. Die Kartanin sind für ihre Weltoffenheit bekannt, ich hatte zudem eine qualifizierte Ausbildung und deshalb erwartete ich keinerlei Probleme. Meine Integration in die kartanische Gesellschaftsordnung verlief zügig und ohne Schwierigkeiten. Aus dem Gast wurde ein Mitbürger.

Als erstes wurde meine soziale Position definiert. Weil ich keine Kartanin war, keiner Familie angehörte und zudem noch ein Mann war, war dies folgerichtig die unterste Stufe auf der Leiter.

Niemand hatte mir das vorher gesagt; niemand hatte mich vorher auf die Folgen aufmerksam gemacht.

Die Kartanin behandelten mich wie ihresgleichen und erwarteten im Gegenzug, dass ich mich ihren Sitten anpasste. Ich war ein gesellschaftliches Nichts, also war mein Platz im Hintergrund. Es gab kein geschriebenes Gesetz, das mir verbot, eine Kartanin anzusprechen. Es gab kein geschriebenes Gesetz, das von mir verlangte, der letzte in der Reihe zu sein. Es gab kein geschriebenes Gesetz, das mich in meiner Berufswahl hinderte. Dass es ungeschriebene Gesetze gab, lernte ich auf dem harten Weg. Die Kartanin diskutierten miteinander über meine unverschämten Verhaltensweisen – während ich daneben stand. Sie ignorierten mich und seltsamerweise war immer dann eine kleine Pause fällig, wenn ich der letzte im Raum war. Meine Bewerbungen waren aussichtslos, weil immer eine Kartanin bevorzugt wurde.

Ich lernte, dass allein der Anblick meiner haarlosen Haut eine Erniedrigung für mich und eine Provokation für jede aufrechte Kartanin war. Ich lernte, dass bereits die jugendlichen Kartanin mir an Gewandtheit und Kraft überlegen waren, so dass ich mich nur mit Worten, falls überhaupt, zur Wehr setzen konnte. Und ich lernte schmerzhaft, dass den Mund zu halten immer noch die beste Methode war.

Nun, ich konnte mir kein Fell wachsen lassen. Deshalb trug ich einen durchgehend geschlossen Overall mit hohem Kragen, dazu Stiefel und Handschuhe. Natürlich fiel ich in diesem Aufzug erst recht auf. Meine Verkleidung war nicht mehr als ein unbeholfener Versuch der Anpassung[3].

Mein Körpergeruch gehörte in eine ähnliche Kategorie. Ich roch wie ein Mensch. Gewaschen roch ich wie ein gewaschener Mensch. Aber am ekligsten roch ich für die erhobenen Nasen der Kartanin, wenn ich schwitzte. Ich schluckte jeden Tag ein paar Tabletten, die im Laufe der Stunden durch die Haut verdunsteten. Mia-Lee hatte mir bestätigt, dass mein Geruch sich dadurch verbesserte. Sie selbst jedoch rümpfte die Nase.

Die Arbeit in der Kanalisation wurde ihrem sozialen Ansehen entsprechend bezahlt: schlecht. Der Lohn reichte für Essen, Kleidung und das Wohnrecht an einer kleinen Wohnung in einer der westlichen Burgen. Weniger als vierzig Quadratmeter waren mein Heim. Sie lagen zentral im Gebäude, ohne Fenster und in direkter Nähe der Kellertreppe, so dass ich das Gebäude nicht durch einen Haupteingang betreten musste. Oft war in meiner Abwesenheit und hin und wieder auch in meiner Anwesenheit von übermütigen, neugierigen Jugendlichen eingebrochen worden. Ein Grund, weshalb ich nach fünf Jahren die Tür und die Verriegelungen verstärkte.

In der Burg lebten hauptsächlich Kartanin in traditionellen Gruppenehen, die es in dieser Form nur auf Agos-Cal gab: Frauen mit ein paar wenigen Männern und den gemeinsamen Kindern. Die Zusammenstellung der Gruppen erfolgte nach sozialgenetischen Gesichtspunkten. Das heißt, je höher die soziale Stufe der Mitglieder war, desto unwichtiger war der genetische Aspekt[4].

Ich hatte keinen Kontakt zu den anderen Bewohnern.

Mit einer Ausnahme: Mia-Lee, die mit ihrer Gruppe die direkt angrenzenden Räume bewohnte.

Sie lebte hier bereits, als ich einzog. Es dauerte Jahre, bis aus den unabsichtlichen Zusammentreffen vor dem Gebäude, auf der Treppe oder im Gang eine Art Freundschaft wurde. Sie war Technikerin an Bord des einzigen Raumschiffes dieser Welt, dem Schiff der Präsidentin. Sie besuchte mich, hin und wieder, nie lange, und ich besuchte sie nie. Auch so wurde sie ihrer Bekanntschaft mit dem Affenabkömmling wegen oft genug aufgezogen.

In meiner Wohnung entledigte ich mich meiner Verkleidung. Dann aktivierte ich die Kunstsonnen und die Holo-Projektoren, deren Erfassungsbereich fast die Hälfte des Raumes einnahm. Natürlich war das alles kein vollwertiger Ersatz für die wirkliche, freie Natur, aber zumindest kam es ihr nahe genug, um auszuspannen und Hautkrankheiten zu vermeiden. Ich wählte mein Lieblingspanorama: ein Waldrand mit Blick über eine grasbewachsene Ebene mit einem schmalen, plätschernden Bach.

In der kleinen Kochnische bereitete ich mir einen Imbiss zu. Ich hatte mir mehrfach Magengrimmen zugezogen, bevor ich mir zukömmliche Nahrung gefunden hatte. Kartanin bevorzugten Fleischsurrogat in fast rohem Zustand. Erneutes Braten war das mindeste. Daneben benötigte ich eine anders dosierte Menge an Ballaststoffen, Mineralien, Vitaminen und diesen Dingen als eine Kartanin. In den ersten Jahren hatte ich mir mit Tabletten beholfen. Mittlerweile kannte ich die einheimischen Nahrungsmittel gut genug, um mir einfache, gesunde und halbwegs essbare Mahlzeiten zusammenstellen zu können.

Ich legte mich auf den Rücken, lauschte dem Rauschen der Bäume, dem Plätschern des Baches und dem Vogelgezwitscher aus dem Computer und döste.

Der Türsummer schreckte mich hoch.

4.  

Mia-Lee kannte den Öffnungscode meiner Wohnung. Ich hatte ihn ihr für Notfälle gegeben. Nichts hätte sie davon abhalten können, ohne Voranmeldung einzutreten. Die Betätigung des Summers war ein Zeichen ihrer Freundschaft, ihres Respekts mir gegenüber.

Bevor ich sie einließ, zog ich mir rasch meine Kleidung über. Die Konsequenzen, die sich ergaben, wenn sie mich halbbekleidet oder gar nackt erwischte, waren unabschätzbar. Mia-Lee mochte toleranter sein als ihre Mit-Kartanin, aber sie blieb eine Tochter dieser Welt.

Die geringfügige Wartezeit verlangte nach einer Entschuldigung. Ich füllte eine Trinkschale und bot sie ihr an. Sie nippte und reichte sie an mich zurück. Ich nahm einen Schluck.

"Du verblüffst mich immer wieder", sagte sie amüsiert. "Niemand würde glauben, dass ein Fremder unsere Sitten so gut versteht."

"Danke. Gerade, weil ich ein Fremder bin, muss ich sie verstehen und besonders genau anwenden."

Ich hoffte, dass mein Verhalten wirklich angemessen war. Im Gegensatz zu Mia-Lee war ich nicht in diese Gesellschaft hineingeboren worden. Im Gegensatz zu ihr beherrschte ich all die kleinen Regeln nicht ohne nachzudenken.

"Ich freue mich, dich zu sehen", sagte ich.

Sie verzog ihre Schnauze zu einem angedeuteten Lächeln. Sie beugte sich vor und strich mit einer Kralle hinter meinem Ohr entlang. Ich fragte mich, ob sie wusste, was diese Geste für mich bedeutete, ob sie wusste, wie sehr sie meine Gedanken beherrschte. Sicherlich nicht. Ich gestand mir ein, sehr einsam zu sein. Nie würde ich ihr zu nahe treten. Aus Angst, das wenige, was ich hatte, zu verlieren.

Nun, dachte ich, es könnte schlimmer sein. Wäre ich bei den Blues geblieben, würde ich jetzt vielleicht eine Bluesfrau so betrachten, wie ich Mia-Lee betrachtete.[5]

Sie zog eine versiegelte Folie aus ihrer Tasche. "Dies ist der Grund meines Besuchs. Die Verwaltung hat mich gebeten, dir dieses Schreiben zu geben."

Ich brach das Siegel und las. Das Schreiben war in dem üblichen, herablassenden Tonfall. Ein Befehl, am nächsten Tag in der Verwaltung zu erscheinen. Sonst nichts. Einem minderwertigen Wesen musste man nichts erklären

5.  

Ich meldete mich bei der Arbeit ab, was – wie von mir erwartet – niemanden interessierte. Der Lohn wurde automatisch gekürzt. Ich war pünktlich zur Stelle und wurde – wie von mir erwartet – mehrere Stunden lang ignoriert.

Schließlich bequemte sich eine Kartanin zu der Mitteilung: "In acht Tagen erhalten wir Besuch von der Hohen Frau Dao-Lin-H'ay und dem Menschen Ronald Tekener. Du wirst an dem Empfang teilnehmen. Die offizielle Einladung wird dir in den nächsten Tagen zugestellt. Wir erwarten, dass du dich ehrenvoll benimmst."

Ich antwortete: "Nein. Ich nehme die Einladung nicht an."

Sie verstand es nicht. Die Möglichkeit dieser Antwort existierte nicht in ihrem Weltbild. Es war undenkbar. Sie wiederholte die Einladung wortwörtlich ein zweites Mal.

Erneut lehnte ich ab. Die Gedanken hinter ihrer Stirn liefen ins Leere. Sie versuchte, einen Zusammenhang zu finden. Es gelang ihr nicht. Sie holte Hilfe. Ein halbe Stunde später diskutierten um mir herum und über meinen Kopf hinweg ein Dutzend Kartanin. Eine weitere Stunde später stand ich im Büro der Präsidentin.

"Mia-Lee hat sich persönlich mir gegenüber für dich verwendet", sagte sie.

*

Auch in der Hauptstadt gab es einen Park, in dessen Mittelpunkt eine mit Wasser gefüllte Schale stand. Mia-Lee machte mich auf eine andere, etwas abseits stehende Skulptur aufmerksam. Ihr Titel war: Freundinnen.

Sie zeigte eine sitzende Kartanin mit von Leid und Trauer verzerrtem Gesicht. In ihrem Schoß bettete sie den Kopf einer vor ihr Knienden, deren kraftlose Finger in der ausgestreckten, auf dem Boden liegenden Hand eine Papierrolle hielten.

Hintergrund der Skulptur ist ein berühmtes Gedicht mit unzähligen Strophen. Es handelt davon, dass eine Herrscherin eine Botin mit der Überbringung einer Nachricht beauftragt. Die Nachricht und die Antwort darauf müssen bis zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt übermittelt werden. Aber die Zeit ist knapp und die Herrscherin bezweifelt, dass die Botin rechtzeitig zurück ist. Daraufhin verbürgt sich die Freundin der Botin: die Antwort würde rechtzeitig eintreffen.

Die Botin wird auf ihrem Weg durch Hemmnisse aller Art aufgehalten wird. Unpassierbare Wege, gnadenlose Feinde, blutrünstige Ungeheuer, gewaltige Naturkatastrophen und zuletzt tiefste körperliche Erschöpfung. Die Freundin hat mittlerweile die Hoffnung aufgegeben und bereitet sich auf ihren eigenen Tod vor. Aber die Botin kommt rechtzeitig, in der letzten Sekunde, um den Selbstmord zu verhindern. Sie fällt zu Boden, die Antwort entgleitet ihrer Hand und sie stirbt in den Armen der Freundin.

Das Gedicht endet mit einem Monolog der Herrscherin, in der sie die Ehre der Freundinnen lobpreist.[6]

*

Mia-Lee hatte sich für mich verbürgt. Ich konnte nicht ablehnen

6.  

Die Beziehung zwischen Ronald Tekener und Dao-Lin-H'ay wurde auf Agos-Cal nicht diskutiert. Alle waren derselben Meinung.

Dao-Lin war eine Hohe Frau, eine Berühmtheit, eine Heldin; ihre Loyalität dem kartanischen Volk gegenüber hatte sie oft genug bewiesen und stand außer Frage. Ihr Platz war ohne Zweifel und zu Recht auf der obersten Sprosse der Leiter. Dass sie sich einen Menschen als Gespielen ausgesucht hatte, fand zwar nicht die ungeteilte Zustimmung aller, wurde aber als ein ihr eigenes, besonderes Vorrecht angesehen. Nein, derjenige, der ihre Beziehung unmöglich machte, war Ronald Tekener. Hätte er sich im Hintergrund gehalten, hätte er sich mit seiner natürlichen Rolle im Schatten von Dao-Lin-H'ay zufrieden gegeben, er wäre, wenn auch murrend, akzeptiert worden. Doch dass er es wagte, sich einzumischen, schlimmer, dass er es wagte, Dao-Lin als gleichberechtigte Partnerin zu betrachten, war eine Beleidigung für Dao-Lin-H'ay und für das gesamte Volk der Kartanin.

Wäre er ein Kartane, hätte er gewusst, wie er auf diesen selbstverschuldeten Bruch der gesellschaftlichen Konventionen hätte reagieren müssen. Ein Kartane hätte die einzig passende, einzig mögliche Schlussfolgerung gezogen: den Selbstmord. Aber Tekener lebte und bewies so seine Unfähigkeit oder seinen Unwillen, diesen Schritt zu tun. Er bewies, dass er ehrlos war, und da er als besonders hoch stehender Vertreter der Menschheit galt, bewies er, dass die Menschen ehrlos waren.

Dieser Mensch würde jetzt Agos-Cal besuchen. Als Gast. Und keine aufrechte, den Traditionen verbundene Kartanin konnte etwas dagegen tun.

Ich war keine Kartanin. Ich war ein ehrloses, gesellschaftliches Nichts und in diesem Rahmen hatte ich gewisse Freiheiten. Ich konnte tun, was die Kartanin nicht tun konnten.

In den folgenden Nächten schlief ich unruhig. Mia-Lee bemerkte dies, doch sie glaubte, ich sei nervös. Schließlich würde ich zum ersten Mal nach zwanzig Jahren wieder einen Menschen, einen aus meiner Rasse zu begegnen. Dazu noch eine lebende Legende wie Ronald Tekener. Dass ich einfach nur Angst hatte vor dem, was kommen musste, würde sie nicht verstehen.

Ich wusste nicht ein noch aus.

Ich ging zum Empfang. In der Hoffnung, alles würde gut ausgehen.

Natürlich tat es das nicht. Wie sollte es auch.

In meiner Tasche trug ich ein Messer; einen zweifelhaften Ersatz für die scharfen Krallen der Kartanin.

7.  

Es war ein großer Raum und es war Absicht, dass ich am anderen Ende, in der Nähe eines Notausgangs weit weg von der Eingangstür stand. Die erste Gelegenheit, die sich bot, würde ich zum Verschwinden nutzen. Doch Mia-Lee blieb in meiner Nähe. Sie spürte meine Unruhe, und sie glaubte, mir durch ihre Anwesenheit zu helfen.

Dann kamen Dao-Lin-H'ay und Ronald Tekener. Sie wurden begleitet von der Präsidentin und umschwirrt von Kameras. Ich trat neben einen Pfeiler und starrte zu Boden. Ich hörte seine Schritte näher kommen. Ich dachte an die Tür neben mir und dass ich jetzt gehen müsste, bevor es zu spät war. Er reichte mir seine Hand zur Begrüßung. Ich zog das Messer aus der Tasche. Die Klinge funkelte im Licht. Ich stach nach seiner Kehle.

Gewandt wich Tekener aus. Ich berührte ihn nicht einmal. Aber das Messer, meine vorgestreckten Hände, mein Schrei waren nicht misszuverstehen. Die umstehenden Kartanin stürzten sich auf mich. Ich hatte das Gastrecht verletzt. Ich hatte die Ehre der Gastgeberin beschmutzt. Ich hatte Mia-Lee entehrt. Die Absicht war deshalb klar: mein Tod. Und die Krallenhände der Kartanin sind natürliche Waffen. Instinktiv hob ich die Arme, um die Schläge abzuwehren. Mein Verstand befahl mir, sie wieder zu senken. Ich musste sterben, damit die Ehre der Kartanin und die Ehre Mia-Lees nicht vollständig zerstört wurden. Der Overall riss, die Krallen zeichneten blutige Male auf meinem Körper. Ich spürte keinen Schmerz. Ich lag am Boden, starrte an die Decke und wartete auf das Ende. Eine Kartanin stand hoch aufgerichtet über mir. Mia-Lee. Sie hatte ihre Hände zu meiner Verteidigung gehoben und schrie: "Aufhören!"

Und es hörte auf. Ich verlor das Bewusstsein.

8.  

Der Angriff hatte Tekener überrascht. Das Gemetzel, das die Kartanin veranstalteten, entsetzte ihn. Er wollte eingreifen, aber Dao-Lin umfasste mit hartem Griff seinen Arm und zog ihn in den Hintergrund. Glücklicherweise behielt eine der Kartanin die Beherrschung und stellte sich schützend über das Opfer.

"Wieso hat er mich angegriffen?", flüsterte er Dao-Lin zu.

Sie sah ihn von der Seite an. "Wir werden ihn fragen."

Der Mann wurde in eine kleine Krankenstation, die sich im Gebäude befand, gebracht. Sie schnallten ihn auf eine Liege und eine Ärztin versorgte seine Wunden nachlässig und desinteressiert. Er bewegte sich. Langsam, benommen.

"Weshalb hast du Tekener angegriffen?"

Der Mann schüttelte den Kopf. Er flüsterte: "Mia-Lee?" Die Kartanin trat neben die Liege. Seine Hand bewegte sich zögernd und ergriff die ihre.

"Ich habe dir deine Ehre genommen", flüsterte er. Er beugte den Kopf zurück und legte ihre Krallen an seine Kehle.

"Ist es das, was ich glaube?", fragte Tekener leise.

Dao-Lin nickte. "Sein Tod für ihre Ehre." Lauter sagte sie: "Wartet. Zuerst muss geklärt werden, warum er Tekener töten wollte."

Mia-Lee zog ihre Hand weg. Dao-Lin trat dicht an die Liege heran. Sie wiederholte ihre Frage.

"Es ist eine Frage der Ehre", sagte der Mann.

Dann wandte er sich an Mia-Lee: "Nach Hause. Bitte. Nach Hause."

Sie löste den Gurt um seiner Brust und nahm ihn auf ihre Arme. Für einen Menschen ist es nicht leicht, die Stimmung einer Kartanin zu erkennen, aber Tekener sah in ihren Augen den unbeugsamen Willen, nicht nachzugeben und wehe denen, die sich ihr jetzt in Weg zu stellen wagten.

"Eine Ambulanz soll die beiden nach Hause bringen", ordnete Dao-Lin an. Zu Tekeners Erstaunen galt ihr nächster Befehl dem Medienteam. Eine Kamera sollte den Transport begleiten.

"Was geht hier vor?", fragte Tekener verwirrt.

"Nun. Zuerst hat er sein Leben angeboten. Er wollte durch ihre Hand sterben, weil er sie entehrt hat. Das habe ich verhindern können." Sie lächelte. "Mia-Lee hat auf dem Empfang eine bemerkenswerte Reaktion gezeigt. Sie hat ihn beschützt, indem sie eine Kampfhaltung eingenommen hat. Sie zeigte dadurch, dass sie ihn notfalls mit ihrem Leben verteidigen würde. Wenn man bedenkt, dass er sie vorher entehrt hat, eine wirklich erstaunliche Reaktion. Wie gesagt: nur sein Tod kann ihre Ehre wieder herstellen."

"Du machst mir Angst", antwortete Tekener.

"Mia-Lee wird ihn in seine Wohnung bringen. Da man ihm einen ehrenvollen Tod durch ihre Hand verweigert hat, bleibt ihm nur der Tod durch seine eigene Hand. Das ist eine Prognose. Aber da die Kamera bei ihnen ist, werden wir alles live erleben." Sie sah ihn an und wieder war ihr Gesichtsausdruck für ihn undeutbar. "Nebenbei. Alles, was die Kamera aufnimmt, wird in das planetare Info-Netz eingespeist. Direkt und unzensiert. Ich vermute, dass zurzeit mindestens die halbe Bevölkerung an den Empfängern sitzt und den Ereignissen aufmerksam folgt."

Dies ist eine Zeit der Überraschungen, dachte Tekener und klappte den Mund zu. Ihre Worte gingen ihm durch den Kopf: Vertrau mir.

9.  

Mia-Lee brachte mich in meine Wohnung. Sie ließ mich vorsichtig auf die Bodenmatte sinken. Ich befahl dem Computer mit leiser Stimme, die Holo-Projektoren zu aktivieren. Sie zeigten einen riesigen Baum am Rand eines Waldes mit Blick auf eine karstige, mit Schneefeldern bedeckte Landschaft.

Ich atmete tief durch und blickte hinaus.

"Geh jetzt", sagte ich.

Mia-Lee trat ein paar Schritte zurück. Ich erhob mich unbeholfen, ging in die Projektion hinein und sank zwischen den Wurzeln des Baumes auf die Knie. Ich spürte die Wunden. Die Wirkung des Schmerzmittels ließ nach.

Ich setzte mich aufrecht und griff nach einem neben mir liegenden Messer.

10.  

"Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, was hier vorgeht", sagte Tekener. Dao-Lin antwortete nicht.

"Nein", sagte Mia-Lee. "Das ist nicht der richtige Weg." Sie kam wieder ins Bild, kniete sich ihm gegenüber auf den Boden und nahm das Messer aus seiner Hand. Dann vollführte sie die traditionellen Bewegungen und sprach die überlieferten Worte.

"Meine Gedanken sind deine Gedanken. Mein Herz ist dein Herz. Meine Ehre ist deine Ehre." Sie umfasste seine Hände, legte sie an ihre Brust, dann an seine. "Ich bin du."

Sie blickte hoch in die Kamera. "Ist die Verbindung gültig?"

Das Geschehen war reichlich seltsam, selbst für Tekener, einem Kenner der Kartanin-Kultur. Die Präsidentin zögerte. Sie sah zu Dao-Lin, die in diesem Moment eine schnelle Geste machte; die rechte Hand fuhr von der Stirn zum Herzen, ballte sich körperwärts zur Faust.

Die Präsidentin sagte: "Die Verbindung wird eingetragen."

Mia-Lee nickte und fuhr fort: "Ich beantrage ein Ehrengericht."

Die Präsidentin bestätigte: "Die Situation ist außergewöhnlich. Der Antrag wird zu Recht gestellt. Das Gericht wird zusammentreten."

11.  

Tekener saß auf der langen Couch in seiner und Dao-Lins Kabine. Vor ihm stand ein Glas roter Wein.

"Unter einem Ehrengericht hatte ich mir mehr vorgestellt. Nicht eine Handvoll sabbernder Greisinnen, die sinnloses Zeug brabbeln."

Dao-Lin antwortet aus dem Nebenraum: "Die Alten genießen hohes Ansehen."

"Mag sein. Angesichts des ganzen Theaters war das Ergebnis trotzdem enttäuschend. Das Ehrengericht hat nicht mehr festgestellt, als dass jeder Beteiligte angemessen und ehrenvoll gehandelt hat. Sonnenschein überall."

Er nahm einen Schluck und zog eine Grimasse. "Ich bin verwirrt. Wenn ich verwirrt bin, bekomm' ich Kopfschmerzen. Ich mag keine Kopfschmerzen."

"Vielleicht hilft es, wenn du weniger trinkst?"

"In diesem Fall kann die Dosis nicht hoch genug sein. Ich hab' mir gesagt: Tek, wenn dich das ganze pompöse Theater der letzten Tage so verwirrt, versuch' doch mal einen anderen Blickwinkel. Herausgekommen ist dabei eine Hypothese."

Dao-Lin sah ihn durch die offene Tür an. "Eine Hypothese?"

"Mittlerweile ist es eine Theorie. Was meinst du, wie lange hat er sparen müssen, um die Kosten für eine Passage zusammenzuhaben?"

"Ich weiß nicht. Fünf Jahre?"

Tekener grinste. "Nun gut. Wenn er nach fünf Jahren genug Geld hatte, was hielt ihn dann? Was bringt einen Mann dazu, an einem Ort auszuhalten, an dem er nicht sein will? Die Antwort kenn' ich aus eigener leidvoller Erfahrung. Meine Hypothese besagt deshalb, dass die beiden seit langem ein Liebespaar sind. Jahre mit heimlichen Treffen und der Angst vor Entdeckung. Ihre Stellung ist nicht so exponiert wie uns're."

Dao-Lin setzte sich neben ihn, nahm das Glas und nippte. "Zu süß."

Tekener zog die Augenbrauen hoch, nahm ebenfalls einen Schluck und meinte: "Eher zu bitter. Könnte wieder mal Gift drin sein. – Meine Hypothese besagt weiter, dass sie auf den Gedanken kamen, jemanden um Rat zu fragen. Jemanden in einer ähnlichen Situation. Ich weiß mit Sicherheit, dass ich ihnen vorher nie begegnet bin. Was ist mit dir?"

"Es ist unmöglich, sich alle Namen zu merken."

Tekener nickte. "Der Bordrechner kann das. Leider tauchen die Namen in seinen Datenbanken nicht auf. Da kam ich auf den Gedanken, die Suche auszudehnen. Andere Namen, andere Begriffe. Was meinst du, was ich fand? – Vor ungefähr einem halben Jahr hat dir der Kapitän der AGOS-CAL die Einladung persönlich überbracht. Und wie wir wissen, ist Mia-Lee Technikerin an Bord. Aus der Hypothese wird eine Theorie."

"Eine Theorie auf schwachen Füßen."

"Was mich außerdem verwirrte, war die Opferbereitschaft. Er war bereit, sich von den Kartanin töten zu lassen. Er war bereit, sich selbst die Kehle durchzuschneiden. Das war kein Schauspiel. Und es war mit Sicherheit nicht das Verhalten eines normalen Menschen. Vielleicht eine Art Hypnose, durch Drogen hervorgerufen? Wer hat genug Daten über die menschliche Physis, der Psyche und der Medizin, um eine solche Droge herstellen zu können? Ich hab' vorhin deinen Bordarzt befragt. Er sagte wörtlich, dass er mir keine Auskunft geben könne. Er bestätigte nicht, aber er stritt auch nicht ab. Sieht nach Maulkorb aus."

"Bitte. Keine rassistischen Äußerungen in meiner Gegenwart."

"Dann musste die Präsidentin in einer ganz bestimmten Weise reagieren. Ich weiß zwar nicht weshalb, aber sie musste die Verbindung zwischen den beiden bestätigen und es musste zu diesem Ehrengericht kommen."

Dao-Lin sagte: "Die Präsidentin war zutiefst beeindruckt davon, dass ein Mensch die Ehrbegriffe der Kartanin so sehr verinnerlicht hatte, dass er bereit war, für die Ehre der Kartanin einen anderen Menschen und sich selbst zu töten. Genau genommen hat sie ihre Befugnisse weit überschritten. Sie hat die Entscheidungen des Ehrengerichts vorweggenommen. Natürlich wusste sie, dass alles live übertragen wurde. Du erinnerst dich an die Kameras? – Genau genommen hat er versucht, das zu tun, was sie alle am liebsten selbst getan hätten. Natürlich nicht bewusst, wir Kartanin sind keine Mörder. Sondern aus einem Gefühl heraus."

Sie lehnte sich zurück.

"Es gibt ein altes, kurzes Wortspiel in meiner Sprache. Es verliert in einer Übersetzung seinen Reiz, aber es lautet in etwa: Recht ist wertlos, wenn es aus Unehre geboren wird. Rein zufällig habe ich mit der Präsidentin vor dem Empfang über die Themen Ehre und Recht diskutiert. Vor allem über den Widerspruch, der sich unter bestimmten Umständen aus ihnen ergibt. Es ist ohne Zweifel ehrenvoll, die Ehre der Kartanin zu verteidigen. Ist es dann aber Recht, eben diese Handlung zu bestrafen?"

Sie dachte kurz nach. "Mia-Lee lebte in einer Gruppenehe. Unter normalen Umständen ist es fast unmöglich, aus einer solchen Ehe auszusteigen. Die Präsidentin hat also die bestehende Verbindung gelöst. Dann hat sie die neue Verbindung bestätigt. Das musste sie tun, da Mia-Lee sonst kein Ehrengericht hätte fordern können. Damit hat die Präsidentin indirekt anerkannt, dass Menschen und Kartanin eine ehrenvolle Beziehung haben können. Und damit erkennt sie die Ehre der Menschen an. – Und das Beste: das Ehrengericht hat sie in allen Punkten bestätigt."

Tekener lachte leise und Dao-Lin fuhr fort: "Die wahre Heldin ist jedoch Mia-Lee. Sie ist eine Kartanin, deren Ehrgefühl und deren Gerechtigkeitsgefühl so tief waren, dass sie die gesellschaftlichen Schranken überwand und sogar eine Verbindung mit einem Nicht-Kartanin einging. Ich kenne meine Artgenossen. Dieser Geschichte wird kaum einer widerstehen können."

"Und auf uns abfärben."

"Vielleicht. Die Ausgangsposition ist die gleiche: Mensch und Kartanin."

"Was, wenn die beiden feststellen, dass ihr Zusammenleben doch nicht so harmonisch abläuft. Liebe kommt, Liebe geht. Und wenn Liebe geht, dann oft mit Lärm."

Sie sah ihn an. "Jetzt bist du auf dem falschen Weg. Keine Kartanin zweifelt daran, dass Mia-Lee die Verbindung mit einem Menschen nur deshalb eingegangen ist, weil dies die einzige Möglichkeit war, in seinem Namen ein Ehrengericht anzurufen. Wenn sie sich trennen, ist das nicht mehr als eine Fußnote. Niemand außer dir erwartet etwas anderes. Andererseits wählte Mia-Lee die Formel ‚Ich bin du'. Übertragen auf deine Kultur entspricht das in etwa der Bedeutung von ‚Bis das der Tod uns scheidet'. Je länger die Verbindung dauert, desto höher wird man dies Mia-Lee anrechnen. Abgesehen davon – das Leben mit dir ist oft nicht einfach. Doch ich hatte nie die Absicht, dich gehen zu lassen. Ich weiß, was ich an dir habe, und das gefällt mir. Dass ihr Männer in euren Bedürfnissen und Wünschen primitiv seit, brauche ich wohl kaum zu betonen."

"Hm. Dabei fällt mir ein, weshalb bist du eigentlich eingeladen worden?"

"Oh. Ich vermute, dass mir die Präsidentin Vorhaltungen machen wollte. Darüber, dass ich mit einem Menschen zusammenlebe. Die Ereignisse überstürzten sich und ich habe sie nicht darauf angesprochen."

Tekener sah sie lange an. Schließlich meinte er: "Ich liebe dich. Normalerweise denk' ich über das Warum nicht nach. Vielleicht liebe ich dich, weil unter deiner weichen Schale der unverständliche Kern einer Kartanin steckt."

Sie schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals und atmete tief und lang. "Ich mag deinen Geruch. Alt, ehrwürdig und ein bisschen weise."

Er lachte.

12.  

Etwas später wurde in einer Galerie die Holographie eines weniger bekannten Künstlers ausgestellt. Sie zeigte die klassische mit Wasser gefüllte Trinkschale. Sie wurde gehalten von den Händen einer Kartanin und auf der anderen Seite von den haar- und krallenlosen Händen eines Menschen.

13.  

Vor ein paar Jahren hatte Mia-Lee das Wohnrecht für eine Hütte in den Bergen erworben. Ich liebte diesen Ort. Er war nicht nur wunderschön, er war auch einsam genug, zu tun, was man tun wollte. Fern von der Stadt, fern von den Zwängen, fern von dem Druck.

Ich verbrachte Stunden damit, durch die Wälder zu streichen und in den Felsen zu klettern. Natürlich war Mia-Lee mir darin über. Sie war gewandt wie eine Katze.

Sie drückte ihre Nase an meinen Hals und roch. "Ich mag deinen Geruch", sagte sie. "Er ist anders und doch so vertraut."

Ich umarmte sie, zog sie fest an mich und bezweifelte, dass irgendjemand glücklicher sein konnte.

 



[1] Die Gesamtheit der Bilder und der Kommentare ist in der Arot-Schrift zusammengefasst. Der Aufbau der Schrift unterliegt strengen formalen Regeln. Die Bilder stehen in der Mitte einer Seite. Um sie herum sind die primären Kommentare angeordnet, um diese wiederum die Kommentare zu den Kommentaren. Die Arot-Schrift wird gepflegt von den Ibars, Gelehrtinnen, die ihr Leben dem Studium der Schrift geweiht haben. Es finden regelmäßige Treffen statt, auf denen die Bedeutung der Bilder und Kommentare diskutiert wird. Bei Bedarf werden Kommentare geändert, zugefügt oder auch entfernt. Die Arot-Schrift ist also nicht fix, sondern befindet sich in einem ständigen Wandel.

[2] Eine schmerzhafte, blutige und insgesamt unappetitliche Angelegenheit. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass die betroffene Kartanin ihre eigene Kehle mit den Krallen durchbohrt. In der Regel nimmt die Delinquentin vorher eine ausreichend hohe Dosis an Schmerzmitteln ein. Sollte sie ihre Meinung trotzdem im letzten Moment noch ändern, ist die anwesende Sekundantin für die ordnungsgemäße Ausführung der Aktion verantwortlich.

[3] Ein zweifelhafter Versuch. Die Ehre und der Stolz sind Geschwister. Das Verleugnen der eigenen Rasse kann die hier geschilderten Problem durchaus noch verstärkt haben.

[4] Die Gruppenmitglieder haben bei der Zusammenstellung der Gemeinschaften kein Mitspracherecht. Die Mütter entscheiden, wer mit wem zusammenlebt. Dass dabei auch politische Aspekte, Karrieredenken und Standesdünkel mitspielen, muss nicht weiter betont werden. Erstaunlich ist immerhin, dass die so auf- und eingeteilten Kartanin sich mit ihrem Schicksal nicht nur abfinden, sondern es auch akzeptieren. Die aus diesen Beziehungen resultierenden Kinder sind dafür der beste Beweis. Außerdem sei noch mal darauf hingewiesen, dass diese Gruppenehen zwar nicht unüblich sind, aber nur eine Form des Zusammenlebens.

[5] Über eine derartige Verbindung wurde bisher noch nie berichtet. Es ist aber allgemein bekannt – und belegbar -, dass in einem berühmtberüchtigten Amüsierbetrieb auf Lepso interessierten Gästen Blues-Frauen und -Männer als Begleiter zur Verfügung gestellt wurden.

[6] Die letzten zwei Zeilen, die berühmtesten des Gedichts, lauten sinngemäß und im Versuch einer angemessenen Übersetzung: Ich bitt', dass sie mir gewähre, zu sein die and're im Bund' der Ehre.


 

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