Sternenkratzers Geschichten

Sternenkratzers Geschichten
Science Fiction
Perry Rhodan
Fan Fiction
Invasion
Download (PDF, 175 KB)
Gästebuch
Kontakt
 
 
Invasion
.
Elly aus Xenogears

Invasion

"Bubblegum Crisis"

 

 Eine Erzählung aus dem Perry-Rhodan-Universum


© by Sternenkratzer, Juli 1999

 


1. Teil - Wie es war

1.1. Rick - Gewohnheiten des Alltags

Die KANE 8 stand abseits des regulären Flugfeldes. Techniker liefen durch ihre langen Gänge. Sie krochen in jeden Winkel, steckten bunte Kabel in verborgene Öffnungen und verbanden sie mit Messgeräten. Sie aktivierten die Maschinen, lasen Werte ab und verglichen sie mit dem Soll. Dann änderten sie die Parameter - und begannen von vorn.

Der Kapitän, ein alter, erfahrenen Skipper, betrachtete kopfschüttelnd das Chaos. Er seufzte schicksalsergeben und gewährte der Mannschaft großzügig Landurlaub. Ich ließ ein Taxi kommen. Dem Autopiloten gab ich als Ziel die Crossbow-Stiftung im Süden von Terrania City. Entspannt lehnte mich in dem weichen Sitz aus imitiertem Leder zurück.

"Die übliche Strecke?", fragte der Pilot.

"Die übliche Strecke", bestätigte ich.

Die Maschine stieg nahezu senkrecht bis zum höchsten Korridor. Sie wendete auf der Stelle, beschleunigte. In einem lang gezogenen Bogen umflog sie die Stadtmitte. Durch das seitliche Bodenfenster sah ich hinunter auf Terrania City: ein brodelnder Quell von Leben inmitten der Wüste. Eine Stadt der Widersprüche. Man konnte sie lieben und hassen. Zur gleichen Zeit.

Das Taxi verlor langsam an Höhe. Es glitt lautlos über den künstlich angelegten Wildpark; querte dann den halb zugewachsenen See mit der Kreuzbrücke, dem heimlichen Treffpunkt von Verliebten, dem Ort, an dem ich meinen ersten Kuss bekommen hatte. Ein Engel mit langem schwarzen Haar und traurigen braunen Augen schenkte ihn mir zum Abschied.

Zwischen den Bäumen versteckte sich ein unscheinbares, einstöckiges Gebäude; daneben, von den Wipfel fast vollständig verdeckt, ein kleiner Landeplatz für zwei Gleiter. Das Taxi senkte sich hinab. Ich stieg aus und ging über den knirschenden Kies. Neben der doppelflügeligen, gläsernen Eingangstür hingen in zwei mannshohen Reihen vergoldete Firmenschilder. Sie erfüllten keinen Sinn, da sich niemand hierher verirrte. Sie waren nicht mehr als eine altmodische Geste.

Der frei zugängliche Teil des Hauses beschränkte sich auf das Erdgeschoß und den ersten zwei Kellergeschossen. Darunter lag das Archiv, dessen Existenz der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt war. Nach dem Willen der Familie sollte es so bleiben.

Melissa saß wie gewohnt am Empfang. Sie war eins von Hindernissen, die man auf dem Weg hinunter überwinden musste. Sie war eine Erdgeborene, die die jungen Jahre ihres Lebens im Simusense verbracht hatte. Als sie ihre Freiheit wiedererlangte, zog sie sich in sich selbst zurück. Sie mied die Menschen. Sie begegnete ihnen mit dem richtigen Maß an Distanz und Misstrauen. Sie war die perfekte Empfangsdame.

Während wir höfliche Belanglosigkeiten austauschten, registrierten verborgene Sensoren meine Individualdaten und verglichen sie mit den gespeicherten Werten. Ich bot Melissa ein Kaugummi an, sie lehnte ab und rügte freundschaftlich diese - ihrer Meinung nach - üble Angewohnheit. Nach einem Blick auf ein verstecktes Kontrollpanel nickte sie mir schließlich lächelnd zu. Sie öffnete die Sperre des Lifts. Ich fuhr hinunter.

Wie immer blieb ich kurz am Geländer des zentralen Lichtschachts stehen. Mein Blick schwindelte angesichts der unerwarteten Tiefe. Die Vergangenheit tat sich unter mir auf.

In den turbulenten, schweren Zeiten war das Archiv sich selbst überlassen gewesen. Es würde noch Jahre dauern, die Spuren der Verwahrlosung zu tilgen.

Ich half, wo ich konnte, und verbrachte viele Stunden hier unten.

1.2. La Rena - Bedrohung des Alltags

Die Sonne stand im Zenit. Sie brannte hoch, hell und heiß.

La Rena Hayase schwitzte. Ihre Muskeln schmerzten. Sie begann eine neue Runde auf dem Parcours.

Sie lief schnell und ungeduldig und wartete auf den Moment, an dem die Gedanken klar wurden und doch ins Leere stießen. Doch dieser Moment kam nicht. Noch waren die Gefühle in ihr zu stark. Erniedrigung, Hilflosigkeit und tiefen Hass auf die, die als Freunde gekommen waren.

Am Horizont glitzerte ein silberner Punkt. Ein Gleiter der Fremden.

Renas Schritt stockte. Ihre Kehle war trocken. Ihr Schrei war lautlos.

1.3. Rick - Der erfüllte Wunsch

Die Wirren der Zeit waren auch für meine Familie nicht ohne Folgen geblieben. Wir hielten uns an die Tradition und versuchten den Neuaufbau, ohne unsere Selbständigkeit aufgeben zu müssen. Ich kannte die Lücken im Inventar; ich wusste, was der Familienrat verkauft hatte, um die nötigen Finanzmittel zu beschaffen. Eines Tages würde alles wieder an seinem rechtmäßigen Platz hier unten im Archiv stehen.

Juri war der Wächter des Archivs und er war ein designierter Dagormeister. Als ich an der Freien Akademie studierte, war er mein Lehrer gewesen. Im Training hatte er mich immer, ohne Ausnahme, im körperlichen wie im geistigen Aspekt des Dagor besiegt. Er hatte mich gelehrt, dass ohne eine gleichzeitige Bildung des Geistes die sportlichen Übungen nichts bedeuteten. Das Archiv, so hatte er doziert, war lebendige Geschichte. Die Auseinandersetzung mit ihr die ideale Schulung für den Intellekt. Ich respektierte seine Meinung, aber verstanden hatte ich ihn nicht. Doch eines Tages hatte ich ihn aufgesucht und der Virus der Vergangenheit war auf mich übergesprungen.

Juri verstand es als seine Lebensaufgabe, das Archiv wieder zu dem zu machen, was es einst gewesen war. Ich half ihm, die Regale, Schaukästen und Panoramen zu säubern und zu ordnen. Gleichviel Zeit verbrachte ich einem der Simulationsräume. Der Syntron ließ mich erleben, was meine Vorfahren gedacht, gesagt und getan hatten. Ich lernte. Ich veränderte mich. Ich begann zu verstehen.

Die weitaus meiste Zeit war Juri alleine hier unten. Meine Besuche freuten ihn. Meine Hilfe nahm er dankbar an.

"Du hast ein Patent, nicht wahr?", fragte er wie nebenbei, während wir einen fünf Meter hohen Koloss aus marmoriertem Stein behutsam durch die Gänge schoben. Das tonnenschwere Ungetüm stand auf Antigravscheiben. Seine Trägheit war jedoch so groß, dass wir beide fest zugreifen mussten, um es in die gewünschten Richtungen zu lenken.

Juri wusste, dass ich eins hatte.

"A-Patent", antwortete ich trotzdem, "einschließlich Pilotenschein, offene Klasse. Du warst einer meiner Lehrer an der Akademie - wie du dich erinnern wirst."

"Ja", sagte er. "Hast du die KANE 9 schon besichtigt?"

"Ein 40-Meter-Diskus", summierte ich. "Ein 1-Mann-Schiff. Spezialanfertigung auf der Basis des klassischen Space Jet-Design. Ausgelegt auf Geschwindigkeit und noch einmal Geschwindigkeit. Neunzig Prozent des Nettovolumens bestehen nur aus Antriebstechnik. Keine Waffen, keine Schirme. An die Leistungsdaten konnte ich nicht herankommen. Sie werden geheim gehalten. Ich schätze, das Schiffchen hängt die hochgelobten NOVA-Raumer ohne weiteres ab."

"Interessiert?", fragte er.

Ich schlug mit der Hand kräftig auf den Stein. Der Koloss ruckte zur Seite. Wir fassten beide sofort zu und verhinderten im letzten Moment, dass er gegen eine Vitrine krachte.

"Interessiert?", echote ich. "Die KANE 9 ist vermutlich das modernste und beste, was die Luna-Werften in den letzten Jahrzehnten gebaut haben. Das Schiff ist ein werftneuer Sternenhüpfer. Der Traum jedes Piloten!"

Nach einer kurzen Pause fuhr ich fort: "Ich hatte mich für die Testflüge beworben. Abgelehnt wegen mangelnder Erfahrung. Leider zu Recht."

Er grinste. "Du erinnerst dich an das Asporc-Artefakt?"

"Sicher. Es wurde verkauft."

"Der Familienrat hat die Rückkaufoption in Anspruch genommen. Die erste Aufgabe der KANE 9 und ihres Piloten wird darin bestehen, es wieder zur Erde, ins Archiv zu bringen."

Ich blieb still. Sein Grinsen verstärkte sich.

"Ich habe dich vorgeschlagen", sagte er unverschämt ruhig.

1.4. La Rena - Die unerfüllte Hoffnung

Langsam und mit bewusst gelangweiltem Blick überquerte La Rena die Straße. Sie betrachtete sich kurz in der gläsernen Front des Bürohauses. La Rena wusste, dass sie zu groß, zu schlank, zu trainiert war, um diese kurze und knapp sitzende Kleidung tragen zu können. Auch ihr hüftlanges, dunkelblondes Haar war zu auffällig. Doch jetzt war es zu spät, darüber nachzudenken.

Sie durchschritt die Empfangshalle. Der Fahrstuhl wartete. Sie lächelte den anderen Fahrgästen nichtssagend höflich zu und drückte den Knopf für das oberste Stockwerk. Mit einem Nachschlüssel öffnete sie die Tür zum Treppenhaus. Sie stieg hinauf auf das Dach. Hinter der halbhohen Brüstung duckte sie sich. Sie beobachte die leere Straße, bis sie das Ziel erkannte. Aus der Innentasche ihrer Jacke nahm sie den Laser. Sorgfältig richtete sie ihn aus. Dann gab sie das vereinbarte Signal. Nach endlosen Augenblicken hörte sie das Raunen der Rakete über den Dächern. La Rena blickte nicht hoch. Konzentriert hielt sie das Ziel im Visier des Lasers. Die Rakete schlug ein. Ein Chaos aus Staub und Steinen verdeckte La Renas Sicht.

Tiefe Befriedigung erfüllte sie. Sie atmete ruhig und tief und genoss diesen Moment des Erfolgs.

Der Schock traf sie unvorbereitet. Das Ziel trat unbeschädigt und lebend aus dem Staub heraus.

1.5. Rick - Sturz wider Willen

Die KANE 9 driftete zwischen den Sternen.

Der Syntron hatte die ÜL-Etappe planmäßig beendet. Unverzüglich begann er mit der Differenzberechnung. Im Holokubus der Navigation baute sich eine schematisierte, nicht maßstabsgerechte Darstellung des Raumsektors auf. Der Syntron visualisierte die ermittelten Daten, so dass auch ich einen ausreichend genauen - wenn auch groben - Überblick erhielt und bei Bedarf die Details abrufen konnte.

Das Schiff drehte sich langsam um seine Längsachse. Durch das Panzerplast der Steuerkuppel betrachtete ich die gemächlich vorbeiziehenden, funkelnden Sterne in der Unendlichkeit.

Eine Meldung des Orters beendete meine stille Andacht abrupt. Daten blitzen im Holokubus auf und verblassten wieder. In einer Entfernung von wenigen Lichtjahren war es zu einem Bruch des Einsteinraums gekommen. Ein Vergleich mit gespeicherten Werten ergab eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Triebwerkskollaps. Die Funkgeräte empfingen keinen Notruf, aber ich sah es als selbstverständlich an, meine Hilfe anzubieten. Die Entfernung war gering und ich stand nicht unter Zeitdruck.

Der Syntron zeigte seine Qualitäten. Er schätzte die Daten für eine Kurzetappe. Als wir in den Normalraum zurückfielen, stand weniger als 10 Lichtsekunden entfernt ein 99er-Planet im Raum. Der Taster zeigte einen natürlichen Trabanten und über ein Dutzend künstlicher Satelliten. Die Empfänger registrierten modulierte elektromagnetische Strahlung. Das und das gänzliche Fehlen von überdimensionalen Impulsen ließen auf eine präkosmische Zivilisation schließen.

Im Orbit kreisten drei Raumschiffe. Der Syntron rechnete die Daten der Tastung und der Ortung hoch. Demnach waren es Kugelraumer mit den typischen Energiemustern von Frachtschiffen. Ich vermutete Händler, die sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten: eine neu entdeckte Welt war immer ein guter Markt. Ein sehr guter sogar, wenn es gelang, die Position geheim zu halten und man die nötige Rücksichtslosigkeit aufbrachte.

Die KANE 9 verzögerte. Der Syntron berechnete eine lang gezogene Bremsellipse, die durch die oberen Schichten der Atmosphäre führen würde. Ich funkte die fremden Schiffe an, aber erst als ich den Planeten einmal umrundet hatte, erhielt ich eine Antwort.

Die Kugelraumer hatten Höhe gewonnen. Sie standen über mir. Sie schossen. Der normalenergeische Prallschirm meines kleinen Schiffes bot den entfesselten Energien keinen nennenswerten Widerstand. Er brach sofort zusammen. Die KANE 9 taumelte der Oberfläche des Planeten entgegen.

Der Syntron plärrte Warnmeldungen. Ich kroch in meinen Sessel, schloss die Sicherheitsgurte und versuchte zu beten.

2. Teil - Wie es kommt

2.1. La Rena - Die Flucht

"Das Problem ist ihre Technik", sagte General Hayase zu seiner Tochter. "Sie erkennen unsere Angriffe bereits im Ansatz. Dann schalten sie ihre verdammten Energieschirme ein und sind für uns unangreifbar."

La Rena nickte. Militärisch steif stand sie vor dem Schreibtisch. Sie trug die graue Uniform eines Majors des Präventivheeres. Ihr Haar hatte zu einem straff sitzenden Zopf geflochten und versteckte ihn unter der Uniformjacke. Ihr Vater hatte ihren Bericht ruhig aufgenommen. Er hatte nichts anderes erwartet. Er betrachtete das asketische Gesicht seiner Tochter und dachte wieder einmal, wie sehr sie sich seit dem Unfall, dem Tod ihrer Mutter und ihrer Geschwister verändert hatte.

Er trat an das Fenster. "Erst jetzt stellt sich heraus, dass sie uns nur Krumen hingehalten und die wirklich Technik für sich behalten haben."

Er blinzelte in das Licht der untergehenden Sonne.

"Vermutet, nein: gewusst hatten wir es schon länger. Andererseits haben wir es ihnen nicht übel genommen. Denn das, was sie uns an Wissen gaben, war alleine schon unglaublich."

Das Telefon summte. Er nahm den Hörer und lauschte kommentarlos. Der Evakuierungsalarm schrillte. La Rena starrte ihren Vater an.

Er lächelte verbissen und deutete nach draußen. Am Horizont sammelten sich eine Reihe dunkler Schatten. "Sie greifen uns an. Dieser Stützpunkt ist der letzte der regulären Armee in dieser Region. Es war nur eine Frage der Zeit. Möglicherweise war der Raketenangriff inmitten der Stadt der entscheidende Tropfen. Jetzt werden wir den Preis zahlen."

"Wir werden kämpfen!", sagte La Rena.

Ihr Vater lachte freudlos. "Nein. Sie würden uns abschlachten. Lass uns gehen."

"General - Vater -"

Er legte seine Arm um ihre Schulter und drückte sie sanft. "Später, Rena. Wir werden unsere Chance bekommen. Irgendwie, irgendwann."

Sie hoffte, dass ihr Vater Recht behielt. Aber als sie im Fluchtgang das Donnern der Explosionen hörte, wusste sie, dass jetzt ein neues Zeitalter begann.

2.2. Rick - Die Flucht

Es brannte.

Das Feuer in meinem Traum ließ mich vor Furcht schreien. Ich erwachte. Das Feuer vor meinen Augen schnürte meine Kehle. Dann sah ich das rotgrelle Leuchten der Hölle im zentralen Schacht. Ich löste die Gurte und sprang auf. Der Ausfall des Hauptsyntrons hatte die Verkleidung der Sprengeinrichtung automatisch aufspringen lassen. Einmal, zweimal drückte ich den Hebel. Die Kuppel löste sich widerstrebend und rutschte provozierend langsam zur Seite. Hastig zwängte ich mich durch den schmalen Spalt hinaus. Das Schiff lag schräg. Ich konnte mich auf der glühendheißen Hülle nicht halten und glitt hilflos dem Boden entgegen. Benommen rappelte ich mich auf. Ich rannte, dem nahen Waldrand entgegen. Ich blieb nicht stehen. Ich sah nicht zurück. Hinter mir hörte ich das dumpfe Grollen von Triebwerken, das unheimliche Singen energiereicher Strahlenwaffen und den erschreckenden Knall einer ungebremsten Explosion.

Wer immer in den drei Kugelraumern saß: sie waren dabei, ihr Werk zu vollenden.

Der Wald schützte mich. Er war dicht; die Äste der Bäume waren hart und dornig. Ich drückte sie mit meinen bloßen Händen zur Seite und ignorierte den Schmerz der Wunden. Als die drei Schiffe nur noch dunkle Punkte am Horizont waren, hielt ich inne. Ich setzte mich. Ich wartete.

Stunden später sah ich die Schiffe in der Ferne verschwinden. Ich machte mich auf den Weg zurück. Langsam, vorsichtig, und ich sicherte nach allen Seiten. Es wurde schnell dunkel. Ich kauerte mich mit dem Rücken an einen Baum. Wider Erwarten schlief ich irgendwann für ein paar Stunden ein.

Die Feuchtigkeit des Morgens weckte mich. Ich hatte Hunger, aber außer einem Päckchen Kaugummi waren meine Taschen leer. Also steckte ich mir einen Streifen in den Mund und setzte meinen Weg fort. Schließlich erreichte ich die Lichtung, auf der das Wrack der KANE 9 lag. Die Fremden hatten ganze Arbeit geleistet. Mein erster Soloflug, mein erstes eigenes Kommando - ein Desaster, weil ich hatte helfen wollen.

Das Schiff glühte von innen heraus. Zwei Tage lang beobachtete ich es aus sicherer Entfernung. Ich fand einen Bach mit glasklarem Wasser und stillte meinen Durst. Ich fand Früchte, aber ich getraute mich nicht, sie zu essen. Dann, endlich, war das Wrack so weit ausgekühlt, dass ich mich nähern konnte. Die Hülle war unter der Hitze rau geworden, riesige Schmelzlöcher zeigten die Wirksamkeit der Strahlwaffen. Ich fand guten Halt und ohne große Anstrengung kletterte ich hinauf zur Kuppel.

Ich hätte mit die Zeit und die Mühe sparen können. Ich glitt wieder hinunter, setzte mich in den Sand und lehnte mit dem Rücken an dem, was einmal ein Raumschiff gewesen war.

2.3. La Rena - Informationen

Der Mann auf dem Bildschirm saß in einem kahlen Raum auf einem hölzernen Stuhl. Er war groß, kräftig und nackt. Seine Hände waren an den Gelenken gefesselt. Unruhig wanderte sein Blick hin und her.

"Er sagt kein Wort", stellte La Renas Vater fest, ohne den Blick von dem Schirm zu nehmen.

La Rena zuckte mit den Schultern. "Weil er nichts weiß."

"Sie müssen eine Schwachstelle haben", sagte ihr Vater. Er stütze sich auf seine Fäuste. "Wir müssen sie nur finden. Vielleicht kennt er die Schwachstelle."

"Ich kenne sie", erklärte La Rena. "Sie sind wenige. Sie sind nur wenige Tausend und wir sind Milliarden."

Er nickte langsam. "Wenn wir diesen Vorteil nutzen könnten! Ihre Technik macht ihre geringe Zahl mehr als wett. Die Armee und die Polizei existieren praktisch nicht mehr. Und jetzt haben sie sich verteilt. Sie haben die Front auseinander gezogen. Sie kontrollieren die wichtigsten Orte auf unserem Planeten und plündern alles, was sie kriegen können."

"Ich habe die Berichte gelesen. Wenn wir den Strategen dahinter ausschalten könnten -"

Ihr Vater schüttelte den Kopf. "Wir wissen aus den Verhören, dass ihre Pläne von einem Computer ausgearbeitet werden."

La Rena war überrascht. "Das wusste ich noch nicht."

"Es ist nicht bestätigt." Er wandte sich an seine Tochter. "Ich hasse es, La Rena, aber würdest du bitte …" Er machte eine vage Geste in Richtung des Bildschirms.

Sie lächelte mit kaum unterdrückter Vorfreude. "Kein Problem."

Sie hielt ihm die offene Hand hin. "Messer bitte." Zögernd nahm er ein Klappmesser aus seiner Tasche und reichte es ihr.

La Rena ging auf den Gang hinaus. Sie nickte einer wartenden Gruppe von Soldaten zu. Sie entlud das Magazin ihrer Waffe, atmete einmal tief durch und betrat den angrenzenden Raum. Der Kopf des Mannes ruckte hoch. Unwillkürlich legte er seine gefesselten Hände in den Schoß. Er versuchte, seine Blöße zu verdecken. La Rena ging um ihn herum. Neugierig betrachtete sie ihn von allen Seiten. Sein Blick folgte ihr aufmerksam. Schließlich blieb sie vor ihm stehen. Bedächtig löste sie den Knoten in ihrem Zopf. Sie strich mit den Fingern durch ihre Haare, bis sie glatt auf ihre Hüften fielen.

"Hallo Shelo - du kennst mich?", fragte sie sanft und spielte mit dem Messer.

"Ich habe von dir gehört", erwiderte er vorsichtig. "Du bist die Tochter des Generals."

"Sehr gut", lobte La Rena. Sie öffnete das Messer. "Deine Hände bitte."

Zögernd streckte er ihr seine gefesselten Hände entgegen. Unbeholfen schlug er seine Beine übereinander.

La Rena setzte das Messer an den Riemen an. "Du weißt also, was dich erwartet", stellte sie fest.

"Nun", antwortete Shelo, "man erzählt sich einiges über dich."

"Sehr gut", wiederholte La Rena. Sie durchschnitt seine Fesseln mit einem Ruck. "Steh auf!"

Langsam kam er hoch. Er stand unsicher nach vorne gebeugt und bedeckte sich mit den Händen.

"Ich mag große und kräftige Männer", sagte La Rena. Sie strich über seine Armmuskeln.

Er war groß und kräftig - und es nutzte ihm nichts. Ansatzlos schlug ihm La Rena die halb gestreckte Hand in die Seite. Er drehte sich und empfing einen Schlag in die Nieren. Sogartig atmete er ein und krümmte sich vor Schmerzen.

"Es würde mehr Spaß machen, wenn du dich wehren würdest", sagte sie enttäuscht.

Er sank auf die Knie und kroch von ihr weg. "Es stimmt also", keuchte er. "Du bist keine richtige Frau!"

Betont langsam zog La Rena ihre Waffe aus dem Holster. "Es ist nicht besonders klug von dir, jemanden mit einer Waffe zu beleidigen", tadelte sie ihn.

Sie lud durch. Dann richtete sie die Mündung auf seinen Kopf. Er starrte sie mit schreckgeweiteten Augen an. Zitternd verbarg er das Gesicht in seinen Händen.

"Sieh mich an!", befahl sie.

Er gehorchte.

"Verräter!", stieß sie verächtlich hervor. Sie zog den Abzug durch. Es klickte. Der Mann zuckte zusammen.

La Rena verzog ihr schmales Gesicht zu einer hämischen Grimasse und stieß ihn mit dem Fuß zu Boden. Sie verließ die Zelle. Zu den wartenden Männern sagte sie laut: "Ich glaube, er ist jetzt bereit für das Verhör. Ruft mich, wenn ihr mich braucht." Sie lud Patronen in das Magazin und steckte die Waffe zurück. "Und haltet euch die Nasen zu", fuhr sie fort. "Da drin stinkt es."

Sie bezweifelte, dass das Verhör Ergebnisse bringen würde. Aber selbst wenn, sie würden den Mann gehen lassen. Er würde erzählen, dass es einen Widerstand gab, der hart durchgriff.

Psychologische Kriegsführung, dachte La Rena verächtlich. Ein offener, ehrlicher Kampf wäre ihr lieber gewesen.

2.4. Rick - Informationen

Ein Schatten fiel auf mich. Ein Mann stand vor mir. In seinen Händen hielt er ein metallisches Rohr, dessen vordere Öffnung auf mich zeigte. Es war vermutlich eine Projektilwaffe, wie sie auch meine Vorfahren einmal benutzt hatten.

Er sagte etwas und ich antwortete auf Interkosmo: "Ich verstehe kein Wort, mein Freund."

Seine Worte klangen in mir nach. Sie klangen vertraut. Er sprach einen verfremdeten, aber noch gut erkennbaren, alten irdischen Dialekt. Meine Zeit im Archiv, meine Beschäftigung mit der Geschichte der Erde machte sich unerwartet bezahlt. Er war ein Mensch und er benutzte eine alte Sprache. Der einzig logische Schluss war, dass diese Welt eine vergessene oder wilde Kolonie war.

Sein Name war Ellis. Er hatte sich nach der Invasion in sein einsam gelegenes Ferienhaus in den Bergen zurückgezogen. Die brennende Feuerkugel am Himmel hatte seine Aufmerksamkeit erregt, die suchenden Raumschiffe seine Neugierde geweckt. Den einsamen fremden Mann, der müde mit dem Rücken an einem geschmolzenen Metallklumpen lehnte, hatte er fast einen ganzen Tag lang beobachtet.

Es dauerte seine Zeit, bis ich ihn davon überzeugt hatte, dass nicht alle Fremden, die von den Sternen kamen, schlecht waren. Er erkannte, dass ich, wie er, ein Opfer war. Ab diesem Moment half er mir geduldig. Ich bot ihm als Zeichen meiner Friedfertigkeit ein Kaugummi an. Er wusste nichts damit anzufangen und steckte es erst in den Mund, als ich es ihm vormachte.

Er nahm mich auf, unterrichtete mich und gab mir neue Kleidung und Unterkunft. Ich lernte die Eigenheiten seines Dialekts. Er schwärmte von dem Leben auf dieser Welt, wie es war, bevor die Riesen kamen, und er beklagte, wie es wurde, als sie ihre Maske der Freundlichkeit fallen ließen.

Ich erzählte ihm von dem Leben zwischen den Sternen. Er glaubte mir kein Wort.

2.5. La Rena - Der erfolgreiche Kampf

Rena hörte die verzweifelten, schluchzenden Schreie der Frau. Sie hörte den Riesen lachen.

La Rena beobachtete den Hass in ihrem Innern und schob ihn in einen entlegenen Winkel ihres Bewusstseins. Sie stand ruhig. Ihre Hand mit der Waffe zitterte nicht. Das Ziel kam näher. Es war nackt.

Renas Gesicht verzerrte sich zu einem Lächeln, als ihr Finger sich krümmte. Sie schoss eine Dublette und sah, dass beide Kugeln trafen. Der Riese zuckte zusammen. Er erstarrte in seiner Bewegung. Rena leerte das Magazin ihrer Waffe. Jeder Schuss traf den breiten Brustkorb - und bewirkte nichts.

Der Riese entdeckte Renas Versteck. Er schrie auf und sprang auf sie zu. Rena flüchtete in einen Seitengang. Im Laufen steckte sie die Waffe zurück in den Holster. Sie blickte über die Schulter. Der Gang war niedrig. Ihr Verfolger musste sich tief bücken und konnte seine Kraft und seine Geschwindigkeit nicht zu seinem Vorteil ausspielen. Rena stoppte, drehte sich und nahm das Gewehr von ihrem Rücken.

Kaltblütig wartete sie, bis der Riese nur noch wenige Meter von ihr entfernt war. Sie sah seinen ausgestreckten Arm näher kommen wie eine bösartige Schlange. Sie sah in seine siegessicheren, drohenden Augen, als sie den einzigen Lauf der klobigen Waffe abfeuerte.

Der Riese schrie vor Schmerz. Er taumelte, stieß gegen Wände und Decke und fiel auf die Knie. Er bedeckte sein blutiges Gesicht mit den Händen.

Rena lud die Spezialmunition nach.

"Für die Freiheit", flüsterte sie.

Der Schuss riss den Kopf des Riesen nach hinten. Sein massiger Körper krachte zu Boden. Bewegungslos blieb er liegen. La Rena gestattete sich kein Gefühl des Triumphs - noch nicht. Sie hörte die Unruhe und den Lärm am Ende des Ganges. Sie zögerte nicht länger. Sie lief den geplanten Weg entlang und erst als sie in der Sicherheit des wartenden Wagens saß, entlud sich ihre Anspannung in einem wilden Aufschrei.

2.6. Rick - Der verlorene Kampf

"Das sind unsere Feinde", sagte Ellis und deutete in die Ebene hinaus.

Durch das Fernglas sah ich eine Reihe einfacher Bodengleiter. Die Entfernung raubten dem Bild die Proportionen, deshalb dauerte es etwas, bis ich erkannte, was - und wen - ich dort sah. "Das sind eure Feinde?", fragte ich.

Ellis bestätigte.

Es waren Riesen mit einem extrem kräftigen und breiten Körperbau. Fast alle trugen den typischen Sichelkamm ihrer Rasse. Ich kannte sie. Es waren Ertruser, umweltangepasste Menschen von einer Welt mit erhöhter Gravitation. Ich schwenkte das Glas zur anderen Seite der Front. Dort waren panzerähnliche Fahrzeuge aufgefahren. In einer zweiten Reihe standen feuerbereite Raketenstellungen und hinter diesen lagen Hunderte von Menschen in notdürftiger Deckung.

"Das ist absurd", sagte ich.

Dann begann das Chaos. Die Geschütze feuerten auf die Riesen. Der Angriff zeigte keinen Erfolg. Ein Standardschirm war durch rein mechanische Waffen und einfache Explosivstoffe nur schwer zu knacken. Zudem standen die Ertruser dicht an dicht und die Vermutung lag nahe, dass sie ihre Schirme synchronisiert hatten. So wurde die kinetische Energie der Geschosse auf eine große Fläche verteilt und verpuffte. Der ungedeckte Boden vor den Schirmen wurde unter dem Hagel des Beschusses aufgewühlt und umgepflügt, die Schirme selbst jedoch blieben unbeeindruckt. Die Panzer fuhren vor. Sie kamen nicht weit. Die Ertruser benutzten nur einfache Handwaffen - von ihrem Standpunkt aus betrachtet. Fast jeder Schuss saß im Ziel und durchschlug scheinbar mühelos die Panzerung der Fahrzeuge. Treibstoffgefüllte Tanks fingen Feuer, Munition explodierte. Der Angriff stoppte bereits im Ansatz.

Die versteckten Truppen sprangen auf und rannten schreiend auf die Ertruser zu.

"Ein Massaker", sagte ich laut. "Das gibt ein Massaker."

Es gab ein Massaker. Die Menschen fielen reihenweise unter den tödlichen Strahlen. Aber es kam noch schlimmer, als die Ertruser vorsprangen und ihre Gegner mit bloßen Fäusten erschlugen.

"Es ist schrecklich", flüsterte Ellis. "Verdammt. Verdammt. Verdammt."

Der Kampf dauerte nicht lange. Die Ertruser zogen sich ungeschlagen und unverletzt zurück. Die wenigen Überlebenden der besiegten Armee erhoben sich und krochen oder stolperten zwischen den Leichen ihrer Kameraden.

Ellis zog mich am Arm. Er wollte hinunter in das Tal. Er wollte helfen. Ich folgte ihm.

2.7. La Rena - Der Einsatz

Wie gefällt dir das Leben als Zivilist, La Rena?", fragte der General.

"Ich fühle mich nicht als Zivilist", erwiderte La Rena kurz und bestimmt. Sie trug ihre Uniform. Als einziges Eingeständnis an ihre neue Rolle hatte sie widerstrebend die militärischen Abzeichen entfernt.

"Die Armee hat versagt", fuhr ihr Vater fort. Im Gegensatz zu seiner Tochter hatte er die Uniform abgelegt und trug Zivil. "Wir könnten aufgeben."

"Niemals", fuhr La Rena auf. Der General lächelte.

"Der Preis ist hoch", gab er zu bedenken. "Unsere wenigen Erfolge sind allesamt nur auf Nachlässigkeiten der Riesen zurückzuführen. Auf der anderen Seite handeln sie nach Belieben." Er seufzte. "Vielleicht wäre es das Beste, wenn wir uns zurücklehnen und einfach warten, bis sie verschwinden oder eines natürlichen Todes sterben."

"Bis dahin haben wir eine neue Welt", antwortete La Rena. "Sie bauen eine Kollaborateurarmee auf. - Es gibt verdammt viele Überläufer und Verräter", fuhr sie verbittert fort. "Die ersten Streifen sind bereits in den Straßen. Wenn die Invasoren sterben - wann immer das sein mag - haben sie ihre Nachfolger bereits herangezüchtet. Auch wir sind keine Engel. Deshalb müssen wir siegen, bevor die Zustände unumkehrbar sind."

"Ja", sagte der General, "sie machen das recht geschickt. Unser primäres Ziel bleiben die Invasoren. Wir werden sie weiter in Einzelaktionen bekämpfen, bis wir einen besseren Weg gefunden haben. Dann müssen wir die Aktionen der Kollaborateure behindern. Und schließlich brauchen wir, vor allem anderen, Informationen. Das wird deine Aufgabe sein. Nimm dir das Personal, das du brauchst und versuche, soviel wie möglich herauszufinden. Suche ihre Schwachstellen."

"Ich verstehe."

"Gut. Und - La Rena - bitte keine unnötige Gewalt und keine unnötigen Risiken mehr."

La Rena salutierte wortlos und verließ den Raum.

2.8. Rick - Das Treffen

Ellis zeigte mir den Weg in die Stadt. Er begleitete mich nicht, stattdessen nannte er mir einen Namen: General Hayase, der Anführer des Widerstandes.

Die Stadt war verwahrlost. Die Ertruser hatten nicht nur gezielt das Militär und die Polizei außer Gefecht gesetzt, sie hatten auch die Verwaltung zerschlagen und verhinderten, dass sich das bestimmte Maß an Ordnung, das jeder zivilisierte Ort zum Überleben brauchte, wieder ausbildete.

Viele Bewohner waren wie Ellis hinaus aufs Land geflüchtet. Die Zurückgebliebenen kämpften um ihr tägliches Überleben. Alles andere musste zurückstehen. Ich sah die deutlichen Spuren des allmählichen Zerfalls. Ich sah die Spuren von Plünderungen.

Mein erstes Ziel war eine Reihe von Hochhäusern am Rande der Stadt. Sie waren verlassen. Von den Fenstern des obersten Stockwerks aus konnte ich die Raumschiffe sehen. Die Ertruser hatten sie um die Stadt verteilt: Furcht einflößende stählerne Giganten, die größer waren als jedes einzelne Gebäude.

Ich betrachtete sie lange und versuchte, einen Plan zu fassen. Früh am Abend legte ich mich zum Schlafen nieder. Noch vor Morgengrauen stand ich wieder auf und ging zum Landeplatz des nächstgelegenen Schiffes. Es hatte keinen Sinn, sich anzuschleichen. Den von einer Automatik überwachten Sensoren des Schiffes würde nichts entgehen. Ich näherte mich halb offen, halb verdeckt, in der Annahme, sie würden mich einfach ignorieren, solange ich weit genug wegblieb und mich nicht zu auffällig benahm.

Ich lehnte mich an die Wand eines Lagerschuppens und beobachtete.

RESP 4.

Der Begriff setzte sich in meinem Unterbewusstsein fest. Ich schwenkte das Fernglas zurück. Im Hintergrund der offenen Schleuse stand schräg ein grauer Standardcontainer. Auf seiner Seitenwand las ich in großer, perspektivisch verzerrter Schrift RESP 4. Ich setzte das Fernglas ab. Es war ein Deportationsschiff. Dann waren die Ertruser, die diese Welt unterdrückten, Kriminelle. Sie waren Schwerverbrecher, die verbannt worden waren, weil keine Aussicht auf eine erfolgreiche Resozialisierung bestand.

Ein spitzer Gegenstand bohrte sich in meinen Rücken.

"Keine Bewegung", zischte eine Stimme.

Sie waren zu dritt. Zwei nahmen mich hart unter den Armen und zogen mich mit. Sie stießen mich in einen dunklen Raum. Das Licht flammte auf. Gebückt schnellte ich herum und ging in eine verdeckte Dagor-Abwehrstellung.

Der Anführer war groß und erstaunlich schmal gebaut. Das Gesicht war hager und scharfkantig und das Haar straff nach hinten gezogen.

"Wer sind Sie? Was hatten Sie am Landefeld zu suchen?", fragte er mit zu heller Stimme.

Ich musterte das eckige Gesicht genauer. Mir stand eine Frau und kein Mann gegenüber.

"Wer sind Sie?", fragte ich zurück.

Die Antwort gefiel ihr nicht. Sie mochte mager sein, nichtsdestoweniger war sie kräftig. Ich fing ihren Schlag ab und lenkte seine Kraft um. Ihr Arm verdrehte sich in den Gelenken. Sie sog hörbar die Luft ein.

Ohne sie aus dem schmerzhaften Dagorgriff zu entlassen, trat ich dicht an sie heran. Ihre Augen waren dunkel, fast schwarz. Sie waren tief, kalt und ohne eine Spur von Leben.

Auch deshalb entging mir, wie ihre freie Hand die Waffe aus dem Holster zog. Ich spürte den Druck der Mündung in meiner Hüfte und hörte das Klicken des Hahns.

3. Teil - Wie es nicht sein sollte

3.1. La Rena - Die Aufnahme

Rena war wütend.

Sie konzentrierte sich auf eine neue Position und spannte ihre Muskeln.

Sie war wütend auf sich selbst, weil sie sich hatte gehen lassen. Die Sicherheit des Fremden hatte sie zu einer unbeherrschten Reaktion verleitet. Sie erinnerte sich an seine blitzschnelle, fast beiläufige Reaktion auf ihren Schlag.

Sie war wütend auf den fremden Mann, weil er sie hatte überrumpeln können. Für einen kurzen Moment hatte er die Kontrolle über die Situation und über sie, La Rena, übernommen. Für einen kurzen Moment hatte sie sich unterlegen gefühlt.

Sie erinnerte sich an den Ausdruck in seinem Gesicht, als er sie angesehen hatte.

Er war nicht erschrocken, als sie ihn festnahmen. Er hatte sich nicht von der zahlenmäßigen Überlegenheit beeindrucken lassen und auch, dass sie eine Frau war, hatte ihn nicht berührt. Er war kalt und gefährlich. Und - fügte sie hinzu und fühlte den Schmerz in ihren überdehnten Gelenken - er war ein ausgebildeter Kämpfer.

Sie betrachtete sich im Spiegel. Sie änderte ihre Pose erneut.

Ihr Haar fiel lang und offen. Sie hatte es schon oft schneiden lassen wollen. Sehr oft. Sie hatte viel erreicht. Sie war auch ohne Protektion von Seiten ihres Vaters in der Armee aufgestiegen. Sie hatte sich erfolgreich der Männerwelt des Militärs angepasst, innerlich und äußerlich. Zu erfolgreich, wie manche meinten. Nur ihr Haar war die Ausnahme. Es war so irrational, aber sie brachte es nicht fertig, es auf eine vernünftige Länge kürzen zu lassen.

Sie hatte den Fremden nicht getötet. Sie hatte ihn in die Zelle werfen lassen. In ein paar Stunden würde sie ihn verhören. Sie selbst. Sie freute sich darauf.

Die Tür wurde abrupt geöffnet. Ein Mann stürmte herein.

"Major Hayase! Sie wollten …" Er hielt inne und starrte sie an.

"Haben Sie noch nie eine nackte Frau gesehen?", fauchte La Rena. Aber sie wusste gleichzeitig, dass es nicht die Nacktheit war, die ihn hatte verstummen lassen. Sie wusste, dass die Männer sie als Exotin betrachteten.

"Doch, natürlich", stotterte der Mann. Er riss sich zusammen. "General Hayase hat den Fremden in sein Büro bringen lassen."

La Rena glaubte ihm nicht, dann steigerte sich ihre Wut. Sie zog sich schnell und flüchtig an und eilte zu ihrem Vater. Es war sein Recht, einen Befehl von ihr zu missachten. Trotzdem hätte sie zumindest eine Rückfrage erwartet. Sie stieß die Tür auf.

"Vater -", begann sie und verstummte, als sie sah, dass ihr Vater und der Fremde einträchtig beieinander saßen.

"Rick, meine Tochter kennen Sie?", fragte er.

Rick erhob sich höflich und lächelte La Rena an. "Ja, wir sind uns bereits begegnet."

"Rena, darf ich dir Rick vorstellen? Ich versuche gerade, ihn zu überreden, unserer Organisation beizutreten."

"Wir wissen nichts über ihn!", sagte Rena scharf. "Er könnte ein Spitzel sein. Wir müssen ihn verhören!"

3.2. Rick - Das Verhör

Ihr Name war La Rena Hayase. Sie war Major in der Armee und sie war die Tochter des Generals. Sie misstraute mir. Auch die Nennung von Ellis Namen änderte daran nichts.

Der General, ihr Vater, gab ihr den Befehl, mich mit der Organisation und dem Gebäude vertraut zu machen.

Sie fragte nach meinen Namen, meiner Geburt, meiner Kindheit, meinem Leben und ihr Misstrauen stieg mit jeder Antwort, die ich nicht gab. Sie versuchte es mit Fangfragen. Erfolglos. Dann änderte sie ihre Taktik. Sie wurde freundlicher, scherzte und hakte sich bei mir unter. Ihr Lachen war gespielt, denn ihre Augen blieben kalt. Sie waren Abgründe, die meinen Blick immer wieder unwiderstehlich anzogen. Wir aßen zusammen, wir tranken. Sie sorgte dafür, dass mein Glas nie leer wurde.

Am Abend war sie bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie zog sich zügig, fast hastig, aus und versteckte sich unter der Bettdecke. Sie löschte das Licht bis auf eine kleine, dunkel brennende Lampe.

Aber ich wollte sie sehen, ganz sehen. Ich schlug die Decke zurück und drehte sie sanft in die Helligkeit.

Ich strich über ihren Körper, verlor mich in meinen Gedanken. Nach einem Moment des Schweigens küsste ich sie auf die Stirn, zog mich an und ging.

Als ich das Gebäude verließ und in die Dunkelheit hinaustrat, erwarteten mich bereits die Häscher. Zu spät bemerkte ich das leichte Kribbeln eines Paralysators.

Ich erwachte in einem weiß gestrichenen Raum. Ich saß auf einem unbequemen Stuhl und um mir herum standen sechs Männer. Im Hintergrund gab ein Ertruser mit dröhnender Stimme seine Befehle. Sie machten mir keine Angst. Was mir Angst machte, das war das Tablett mit den scharfen und spitzen Werkzeugen.

Ich konzentrierte mich auf die Lehren des Dagor. Aber ich war kein Meister. Die vollständige Trennung von Geist und Körper war mir nicht möglich. Der Damm des Willens brach schnell. Ich schrie und der Ertruser lachte. Er fragte und ich antwortete. Er stellte die richtigen Fragen über den Widerstand. Er stellte die falschen Fragen, was mich betraf.

Sehr viel später ließ er mich von seinen Helfern in einen großen Raum mit Gittern werfen. Ich lag in der Ecke; ich lag regungslos. Ich fühlte den Schmerz, aber ich wagte es nicht, mich zu bewegen, weil ich wusste, dass der Schmerz dann noch stärker werden würde. Ich fühlte das Blut, das warm an meinem Körper heruntertröpfelte.

3.3. La Rena - Das Gefängnis

Rena lag regungslos in der Dunkelheit. Sie schlief nicht, sie wachte nicht. Hätte man sie in diesem Moment gefragt, sie hätte nicht sagen können, worum ihre Gedanken kreisten. Später versank sie in einem Dämmerschlaf und träumte. Sie träumte von dem Tod ihrer Geschwister, ihrer sterbenden Mutter und einem fremden Mann ohne Gesicht, der mit dem Finger auf sie zeigte und laut lachte.

Lärm drang aus den unteren Stockwerken. Rena blinzelte. Sie hörte die gehetzten Schritte von Menschen auf dem Gang. Sie hörte Schreie, das Bersten von Mauern, das Knallen von Schüssen und ruckartig richtete La Rena sich auf. Sie ergriff ihre Kleider und warf sie schnell über. Der Gang war leer. Sie rannte die Treppe hinunter. Sie hörte das dröhnende Lachen der Riesen. Sie lief und blickte in die Mündungen von Waffen.

Die Riesen legten ihr Fesseln an und reichten sie weiter. La Rena sah in die Gesichter ihrer Kameraden und fühlte deren Niedergeschlagenheit. Man stieß sie voran, trieb sie durch das Haus, auf die Straße und wie Vieh auf die Ladefläche eines Transporters.

"Wo ist der General?", fragte sie immer wieder. Keiner kannte die Antwort.

Der Wagen schaukelte. Die Fahrt dauerte nicht lange. Sie führte zu einem großen Lagerhaus mit freitragendem Dach, das die Riesen zu einem Gefängnis umgebaut hatten.

Die Soldaten sammelten sich um La Rena und fragten: "Was sollen wir tun?"

"Abwarten", antworte La Rena ruhig, "abwarten und das beste hoffen."

Sie wurde verstanden. Ein bedrücktes Schweigen breitete sich aus.

La Rena zog sich zurück und setzte sich an die Wand. Sie beobachtete ihre Mitgefangenen und die Wächter, die vor dem Gitter standen und höhnisch und überlegen zu ihnen hineinsahen.

Das Gefängnis war gefüllt. Ihre Kameraden standen oder saßen dicht an dicht. In der Ecke hatte sich jedoch ein Freiraum gebildet. Ein Mann lag am Boden. Eve, eine Pflegerin, kauerte daneben und untersuchte ihn. Sie hatte das Hemd des Mannes geöffnet. La Rena sah das Rot von Blut. Sie ging hinüber und kniete nieder. Sie zuckte kaum merkbar zusammen, als sie die Wunden auf dem Körper sah. Ihr Blick wanderte hoch zu seinem Gesicht.

"Zumindest wissen wir jetzt, wer unser Versteck verraten hat", sagte sie heiser, nur um etwas zu sagen.

Die Frau neben ihr sah sie vorwurfvoll an. "Sie haben ihn bis zur zweiten Stufe gefoltert."

La Rena sah Ricks schwachen Atem. "Wird er überleben?"

Eve zuckte mit den Schultern. "Die Wunden sind schmerzhaft, aber in der Regel nicht tödlich. In ein paar Tagen ist er wieder auf dem Damm. - Physisch."

Rena beugte sich über ihn. Sanft berührte sie seine Wange. "Rick, hörst du mich?"

Er schlug die Augen auf. Sein Gesicht zeigte ein seltsames Lächeln. Er sagte etwas in einer fremden Sprache.

"Ich verstehe dich nicht", meinte La Rena.

Er lächelte. "Ein Engel mit langem Haar."

Rena errötete. "Ich bin es, La Rena."

"Ich weiß", murmelte er kaum hörbar, "ich weiß."

Er hob seine Hand und Rena sah, wie er vor Schmerzen zuckte. Sie nahm die Hand. Er griff fest zu und schloss erneut die Augen. Der Druck seiner Finger wurde schwächer. Rena glaubte zu sehen, dass sein Atem flacher wurde.

"Einen Arzt!", rief sie, plötzlich gepackt von einem Anflug von Panik. "Wir brauchen einen Arzt!"

Niemand rührte sich. Eve sagte bedauernd: "Ich habe eine Ausbildung als Pfleger, aber ohne medizinisches Material kann ich nicht viel helfen."

Vorsichtig löste La Rena sich. "Wir brauchen einen Arzt!", rief sie einen Wächter an. Der Mann drehte sich zu ihr um.

Shelo grinste hämisch.

"Die Tochter des Generals", stelle er fest. "La Rena Hayase." Er hob seine Waffe und richtete sie auf La Renas Kopf. "Du erkennst mich?"

"Ja", sagte sie kurz. "Wir haben einen Verwundeten. Wir brauchen einen Arzt und Verbandsmaterial."

"Soll er doch krepieren", bekam sie als Antwort. "Und du wirst ihm vorangehen." Langsam zog er den Abzug durch.

Einer der Offiziere fiel ihm in den Arm. Sie stritten und sichtlich widerstrebend gab Shelo dem höheren Rang nach.

Der Offizier wandte sich an La Rena: "Was gibt es?"

"Wir haben einen Verwundeten. Einen Gefolterten. Wir müssen ihn behandeln, sonst stirbt er."

Er ging wortlos in einen Nebenraum und kam mit einem Erste-Hilfe-Koffer zurück. Eve nahm ihn entgegen. Sie legte die Wunden frei und versorgte sie notdürftig. Einer der Wächter reichte ein Glas Wasser durch das Gitter. La Rena löste Schmerztabletten und gab Rick das Gemisch zu trinken. Sie war sich bewusst, dass es gegen seine Nervenschmerzen kaum wirken würde.

"Ich möchte mich aufsetzen", sagte Rick schwach.

"Es wird dir wehtun", antwortete Rena.

"Ich werde es aushalten." Er bewegte sich und keuchte vor Schmerz.

Rena fasste ihn schnell um die Schulter und half ihm auf. Er tastete sein Hemd ab. In einer Innentasche fand er zwei Streifen Kaugummi.

"Die müssen sie übersehen haben", sagte er leise. "Zwei Streifen. Die letzten."

Er teilte mit La Rena. Sie nahm den Streifen und drehte ihn unsicher.

"Seltsame Schrift", stellte sie fest.

Sie sah nicht Ricks aufflackernden Blick. Wie nebenbei nahm er ihr den Streifen wieder ab, packte das Kaugummi aus und gab es ihr. Das Papier knüllte er zusammen. Achtlos ließ er es fallen. Dann packte er seinen eigenen Streifen aus und steckte ihn in den Mund. La Rena tat es ihm nach.

"Na ja", sagte sie. "Ungewöhnlicher Geschmack."

Rick lachte und sein Körper krümmte sich ruckartig vor Schmerzen. Tränen traten ihm in die Augen. "Du hast es runtergeschluckt", stieß er erheitert und vorwurfsvoll hervor.

"Natürlich."

"Das war ein Kaugummi. Man kaut es, aber man schluckt es nicht."

4. Teil - Wie es sein sollte

4.1. Rick - Die Befreiung

La Renas Arme umfassten mich locker. Ich lag an ihrer knochigen Brust. Das stetige, beruhigende Pochen ihres Herzens drängte den Schmerz in den Hintergrund.

Das Krachen einer Explosion ließ uns zusammenzucken. Ein großer Wagen sprengte die Hallentür aus ihrer Verankerung und raste herein. Noch bevor er stand, sprangen Männer von der Ladefläche und begannen zu schießen.

"Vater!", rief Rena unterdrückt. Sie erhob sich halb, zögerte und sah mich mit großen und besorgten Augen unentschlossen an.

Ich löste mich von ihr.

"Schon gut", sagte ich. "Geh!"

Sie nickte mir kurz mit einem Lächeln zu. Dann krachte es erneut. Unsere Befreier hatten eine Kette an der Gefängnistür befestigt und sie mit der Kraft des Wagens aus den Angeln gerissen.

"Schnell!", rief ein Mann. "Alle in die Wagen. Schnell! Es muss schnell gehen!"

Die Gefangenen drängten. La Rena war zwischen ihnen. Sie stoppte in ihrem Schritt. Dann drehte sie sich und lief zu mir zurück.

Sie kniete an meiner Seite. "Ich werde dich stützen", sagte sie. "Wirst du es aushalten?"

"Ich werde es müssen", antwortete ich und erhob mich.

Ich stolperte zum Wagen. Hilfreiche Hände griffen nach mir und zogen mich hoch. Langsam ließ ich mich sinken. Die Welt vor meinen Augen wurde schwarz.

Ein einsamer Sonnenstrahl fiel durch das Fenster und weckte mich. Ich blinzelte. Neben mir auf meinem Krankenbett saß Rena. Sie schlief und im Schlaf hielt sie meine Hand. Ihr mageres Gesicht war entspannt. Ich betrachtete es lange.

4.2. La Rena - Ein Terraner wird gesucht

La Rena schüttelte verspielt den Kopf. Ihr Haar fiel ihr in langen Strähnen dicht vor das Gesicht. Sie seufzte resignierend und strich es mit beiden Händen zurück auf ihren Rücken. Sie lächelte den Polizisten freundlich an.

"Die Riesen sind nervös und aufgeregt", sagte er. Er überwand seine Irritation über La Renas Verhalten und drehte sich wieder dem General zu.

Der General lachte kurz. "Das kann ich mir denken. Der Ausbruch war sicher eine unangenehme Überraschung für sie."

Der Polizist schüttelte verneinend den Kopf. "Es ist nicht der Ausbruch gewesen. Die Riesen sind nervös, weil sie einen Terraner suchen."

"Was ist ein Terraner?", fragte La Renas Vater.

"Ich weiß es nicht", gab der Mann zu. "Heute morgen standen die Riesen zusammen. Sie hatten ein kleines Papierstück, das sie alle der Reihe nach betrachteten. Sie waren sehr aufgeregt darüber. Mein Eindruck war, dass sie stritten. Dann haben sie uns einen Auftrag von höchster Priorität erteilt. Wir sollen einen Terraner suchen - einen Mann oder eine Frau -, der Kaugummi kaut. Was ein Terraner ist, haben sie nicht gesagt. Aber Kaugummi ist etwas, das man sich in den Mund steckt und dann kaut man es, ohne dass es verdaut wird. Sie scheinen einen ziemlichen Respekt - und ich glaube sogar: Angst - vor diesem Terraner und diesem Kaugummi zu haben."

Ich wusste es, dachte Rena kalt. Ich wusste es.

Der General schwieg einen Moment.

"Hat das was damit zu tun, dass sie sich wieder sammeln?", fragte er schließlich.

"Wer sammelt sich?", stellte der Informant die Gegenfrage.

"Seit ein paar Stunden kommen vermehrt Gleiter an. Wir haben Meldungen aus anderen Städten, dass die Riesen ihre lokalen Stützpunkte aufgeben."

"Davon weiß ich nichts", gab der Polizist zu und stellte fest: "Wenn ein Zusammenhang existiert, dann scheinen sie wirklich Angst vor diesem Terraner zu haben."

La Rena verließ schweigend den Raum. Sie bemerkte nicht die Verwunderung im Blick ihres Vaters. Vor Ricks Krankenzimmer blieb sie stehen. Sie band ihre Haare im Nacken zusammen, bevor sie den Raum ohne anzuklopfen betrat. Rick lag angezogen auf dem Bett. Er blätterte durch die Bildseiten einer Zeitschrift. Erfreut sah er auf.

"Wir müssen uns unterhalten", sagte La Rena schroff.

"Gerne", sagte er. "Setz' dich zu mir, Rena." Er klopfte mit seiner Hand einladen auf die Bettkante.

La Rena blieb stehen. Sie verschränkte ihre Arme abwehrend vor der Brust.

Dieser Mann ist gefährlich, dachte sie. Ich wusste es, als ich ihn das erste Mal traf. Die Riesen wissen es, bevor sie ihn überhaupt zu Gesicht bekommen.

"Mein Name ist La Rena. Nur meine Freunde nennen mich Rena", wies sie ihn zurecht.

Er setzte sich auf. "Ich bin dein Freund."

"Bist du das?" fragte sie zweifelnd. Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: "Wer bist du wirklich? Keine Lügen diesmal - Terraner."

4.3. Rick - Die Falle

Es dämmerte. Die Sonne stand tief und die Wolken am Horizont leuchteten blutrot.

"Kennst du das Gefühl?", fragte ich, "Das Gefühl, das dir sagt, dass, egal was tu tust, es auf jeden Fall falsch sein wird? Es war falsch, dich zu belügen. Aber es wäre auch falsch gewesen, die Wahrheit zu sagen."

La Rena hatte ihre Hand am Kolben der Waffe. "Du lenkst ab", warf sie mir vor.

"Ja", sagte ich. "Das tu ich. - Lass uns einen Spaziergang machen."

Wie gingen durch den nahe gelegenen Park. Es war ein schöner Sommerabend. Es war warm und der Mond schien hell, aber nicht zu hell. Ich konnte La Rena als dunklen Schatten erkennen und mir einreden, dass sie mich nicht misstrauisch bewachte.

Ich erzählte ihr, wer ich war und woher ich kam. Sie unterbrach mich nicht. Sie schwieg, hörte zu und nahm meine Worte ruhig auf. Ich versuchte, ihr meine Beweggründe klar zu machen. Dass ich kein Feind war, sondern ein Verbündeter. Es war ein vergeblicher Versuch. Ihr Gesicht war kalt, aber in ihren dunklen schwarzen Augen sah ich ihre Gedanken.

"Die Ertruser haben keine Angst vor mir, weil ich ein Terraner bin", sagte ich abschließend. "Sie sind Verbrecher und haben eine unbewusste Angst vor mir, weil ich von Außen komme. Sie haben eine konkretere Angst davor, dass ich etwas besitzen könnte, was ihnen schaden könnte. Zum Beispiel einen Hyperfunksender."

Wir hatten den kleinen See am anderen Ende des Parks erreicht und gingen langsam über die Brücke. In ihrer Mitte blieben wir stehen, lehnten uns an das Geländer und sahen auf das im Mondlicht schimmernde Wasser.

La Rena bemerkte die Gefahr zuerst. Sie fuhr herum und ihre Hand umfasste den Griff ihrer Waffe. Von beiden Seiten kamen dunkle Schatten auf uns zu.

"Hallo La Rena - du kennst mich?", fragte einer der Männer und richtete seine Waffe auf uns.

"Ich habe von dir gehört, Shelo", antwortete sie ruhig.

Er lachte. "Heute ist mein Glückstag. Die Tochter des Generals und den Terraner. Die Riesen werden mich dafür reich machen." Er wandte sich an mich. "Was ist ein Hyperfunksender?"

"Ein spezielles Funkgerät", erwiderte ich bereitwillig, "mit dem wir Hilfe herbeirufen und dem Regime der Riesen ein Ende bereiten werden." Ich fragte mich, wie viel er mitgehört hatte

"Blödsinn", fauchte er. "Die Riesen sind zu stark."

"Abwarten", sagte ich überlegen. "Das Gerät ist leider beim Absturz beschädigt worden. Aber in wenigen Tagen ist es repariert und einsatzbereit. An deinem Reichtum wirst du dich nicht lange erfreuen können."

La Rena hatte den Kopf gehoben und sah in die dunkle Nacht hinaus. Über den Bäumen näherten sich die Positionslichter von Gleitern. Für einen Moment waren die Männer abgelenkt. La Rena und ich handelten gleichzeitig. Ein kurzer, schneller Dagorschlag entwaffnete Shelo. Er stolperte rückwärts und fiel zu Boden. Den zweiten Mann griff La Rena beim Arm und schleuderte ihn gegen den dritten. Beide stürzten gegen das Geländer neben mir. Ich stieß sie hinunter in die Tiefe. Der vierte schoss auf Rena. Er verfehlte das Ziel in seiner Hektik. La Rena sprang ihn überraschend an und zwei sichere Schläge setzten ihn außer Gefecht. Sie nutzte seinen Eigenschwung, stemmte ihn hoch und warf ihn von der Brücke.

Shelo zappelte hilflos meiner Umarmung. Mit dem rechten Arm umklammerte ich seinen Hals, in der Hand hielt ich seine Waffe. La Rena grinste. Sie machte eine einladende Bewegung in Richtung des Sees. Ich grinste zurück und drängte den widerstrebenden Mann mit vorgehaltener Waffe zum Geländer.

"Ich kann nicht schwimmen!", sagte er.

"Lern’s!", antwortete ich und stieß ihm die Mündung in den Rücken. Shelo sprang. Im Fallen ruderte er mit den Armen. Das Wasser spritzte hoch, er versank für einen Moment und hielt sich dann wild paddelnd an der Oberfläche.

Die Gleiter waren bereits sehr nahe gekommen. Ein Suchscheinwerfer flammte auf und erhellte das andere Ende der Brücke.

Wir rannten in den Park zurück und durch ihn hindurch. Die Gleiter kreisten über uns. Aber sie waren um Sekunden zu spät. La Rena zog mich in eine Häuserspalte. Schwer atmend lehnte sie an der Wand. Dann lachte sie unterdrückt.

Ihre Augen waren groß und dunkel und ich beugte mich zu ihr hin und küsste sie. Zuerst war sie verblüfft, dann zeigte sie eine unerwartete, überwältigende Leidenschaft.

Es wurde eine sehr kurze Nacht. Es wurde eine helle Nacht. Diesmal beließ ich es nicht bei einem Kuss auf ihre Stirn.

Früh am Morgen erwachte ich. Ich träumte von scharfen Messern. Mit einem Schrei fuhr ich hoch. Ich zitterte. La Rena zog mich an ihre Brust, trocknete meine Tränen der Hilflosigkeit und wiegte den Alptraum hinweg.

4.4. La Rena - Der Erfolg

La Rena stand am Fenster. Sie spürte das bekannte Kribbeln in ihrem Nacken und sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Langsam drehte sie sich in den Raum. Rick saß bequem in einem Sessel und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Erstaunt und unwillig registrierte Rena, dass sie errötete. Sie senkte den Kopf und versuchte linkisch, ihre Hände hinter ihrem Rücken zu verstecken.

"Der Hyperfunksender?", fragte ihr Vater.

Rick seufzte. "Eine Lüge. Ich dachte mir, dass, wenn bereits die Verpackung eines Kaugummis die Ertruser nervös macht, die Existenz eines Hyperfunksenders sie erst recht in Panik versetzen würde. Der Gedanke daran hat mir Spaß gemacht."

"Können wir so ein Gerät bauen?", fragte der General weiter.

Rick schüttelte den Kopf. "Nein. Ausgeschlossen."

Die Tür zum Büro wurde aufgerissen. Ein Mann stürmte herein.

"Sie beladen ihre Schiffe!", meldete er atemlos. "Die Riesen zwängen alles hinein, was sie kriegen können. Das dritte Schiff wurde leer geräumt. Sie geben es auf!"

General Hayase bedankte sich. Der Bote wollte gehen, aber Rick hielt ihn auf.

"Warten Sie! Irgendjemand soll das leere Schiff beobachten. Wir müssen sofort informiert werden, wenn es unbeobachtet betreten werden kann."

Der Mann sah La Renas Vater an. Erst als dieser bestätigend nickte, verließ er den Raum.

"Weshalb?", fragte La Rena.

Rick griff mit einer schnellen Bewegung ihre Hand. Er betrachtete La Rena mit einer Mischung aus Verwunderung und Freude.

"Soweit ich weiß hat das dritte Schiff einen Triebwerksschaden", antwortete er. "Das heißt aber nicht, dass andere Maschinen und Geräte defekt sind." Er fügte hinzu: "Zum Beispiel der Hyperfunk."

4.5. Rick - Der Sender

La Rena trat in eine am Boden liegende Schlinge und wurde hochgezogen. Sie erreichte den unteren Rand der Schleuse, schwang sich hinein und verschwand aus meiner Sicht. Ich trat in eine Schlinge, die jetzt auf dem Boden lag, und die Soldaten an den Enden der Seilwippe tauschten ihre Rollen: die einen zogen, die anderen hielten. Die Schleuse kam rasch näher. Rena beobachtete mich. Sie ergriff mit einer schnellen Bewegung meinen Kragen und zog mich mit Kraft hinein. Der Schwung ließ mich mehrere Meter stolpern. Ich sah ihr Grinsen und verkniff mir jeden Kommentar.

Die Schleuse war leer, die Schwerkraft war normal, der Antigravschacht außer Betrieb. Das Schiff war verlassen worden und der letzte hatte das Licht ausgemacht.

Bevor wir uns an den Aufstieg über die Nottreppen machten, verminten die Soldaten den Eingang zum AG-Schacht. Auch an dem Eingang zum Treppenhaus ließ La Rena eine Stolperfalle anbringen. Vorsichtig stiegen wie über sie hinweg und machten uns auf unseren mühseligen und anstrengend Weg. Wir beeilten uns, aber die für Riesen dimensionierten Stufen kosteten viel Zeit und Kraft. Wir hatten vielleicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als eine dumpfe Explosion aus der Tiefe des Schiffes zu uns herauf klang.

"Der Schacht!", stellte La Rena fest. "Jetzt werden sie vorsichtiger sein!"

Wir stürmten weiter. Fast verpassten wir den Ausgang zur Zentrale des Schiffes. La Rena orientierte sich, gab Befehle und einer ihrer Männer rannte zu der schwarzen Öffnung des AG-Schachts. Er ließ mehrere Granaten hinunterfallen. Ich hörte sie gegen die stählernen Wände schlagen und den dröhnenden Donner der Explosionen. Ich hörte die Schreie der Ertruser.

Auch die Zentrale war dunkel. Die Sicherungshaube des IPL-Schalters am Kommandantenpult war zurückgeklappt. Der rote Knopf hatte einen Deaktivierungsbefehl durch das Netzwerk des Schiffes geschickt. Der grüne Knopf würde alle Einheiten nach einem genau festgelegten Zeitplan wieder starten lassen. Ich überprüfte die Anzeigen der Akkus. Sie waren ausreichend geladen.

Mein Zeigefinger senkte sich auf den grünen Knopf. Aber ich zögerte. Ein vollständiger Neuanlauf würde Stunden dauern. Diese Zeit hatten wir nicht.

"Schlecht?", fragte La Rena.

"Sehr schlecht", antwortete ich und dachte nach. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Und sie musste mir schnell einfallen.

Ich umarmte La Rena.

"Dafür ist jetzt keine Zeit", sagte sie reserviert.

"Sei ruhig, ich muss nachdenken", bat ich. Ich hielt sie fest und versenkte meinen Kopf in ihrem Haar.

Beiboote. Rettungsboote. Die größeren unter ihnen hatten oft einen Hypersender an Bord. Aber es konnte ebenfalls Stunden dauern, die Hangars und die Abschusstuben auf- und abzusuchen. Vor allem, da ich der einzige war, der diese Aufgabe übernehmen konnte.

"Der Kapitän!", sagte ich und löste mich von ihr. "Wir müssen in das Quartier des Kapitäns."

Es war keine Entscheidung, die ich durch Nachdenken getroffen hatte. Es war nicht mehr als ein Gefühl, eine Intuition.

Erneut machten wir uns auf den Weg über die Nottreppen.

Das Deck mit den Kabinen der Schiffsführung fanden wir schnell. Und dann hatten wir Glück. Bereits der zweite Raum war der gesuchte. In der Ecke stand ein großer Kasten.

Ich versuchte, die für Ertruserhände ausgelegten Verschlüsse zu öffnen. La Rena sah kurz zu, dann nahm sie ein Stemmeisen und brach sie einfach auf.

Ich drückte die Taste für den Passivtest. Sie leuchtete grün auf. Ich atmete durch und aktivierte das Gerät. Auf dem kleinen Schirm in der Frontseite verfolgte ich die Statusmeldungen. Nach weniger als einer Minute signalisierte er die Betriebsbereitschaft des Senders. Ich sprach eine kurze Nachricht in den Speicher, wählte die Notfrequenz und schaltete den Sender auf höchste Kapazität.

Fast augenblicklich erhielt ich eine Antwort.

Fast gleichzeitig donnerten Explosionen auf dem Gang. Ich hörte das Schreien der Soldaten, La Renas ruhige, befehlende Stimme, das Knattern der Waffen und das Fauchen von Strahlenschüssen. Ich drängte es in den Hintergrund und konzentrierte mich nur auf dieses eine, so wichtige Gespräch.

Ein Daumen, so groß wie meine Hand, schoss an mir vorbei und drückte den Ausknopf. Ich sah hoch und blickte in die hasserfüllten Augen eines Ertrusers.

5. Teil - Wie es endet

5.1. La Rena - Die Retter

Die Explosionsgewalt der Granaten riss die Wände auf. Metallplatten und stählerne Träger verbogen sich, ragten in den Gang hinein und versperrten den Angreifern den Weg. La Rena drückte sich dicht an die Wand. Langsam rückte sie vor, bereit, augenblicklich eine neue Granate abzufeuern. Sie orientierte sich und fasste einen Entschluss. Auf ihren Befehl hin wurden Minen scharf gemacht und auf dem Boden verteilt. Sie bedeuteten einen weiteren Zeitgewinn. La Rena hoffte, dass er ausreichen würde.

Vorsichtig zog sie sich zurück. Aus einer Lücke in der Barriere zischte ein Energiestrahl. Er brannte ein Loch in die Wand neben La Rena. Sofort erwiderten ihre Leute das Feuer. Geduckt rannte La Rena zu der Gangbiegung - und erstarrte.

Ein Riese stand von der Kabinentür des Kapitäns. In der einen Hand hielt er seine Waffe. Mit der anderen umfasste er den Nacken von Rick. Mühelos hob er den gewiss nicht leichten Mann hoch. Ricks Füße schwebten über dem Boden. Er bewegte sich nicht. Seine Arme hingen schlaff herunter. Der Riese trug ihn den Gang entlang.

La Rena überwand ihr Entsetzen. Halblaut rief sie ihre Leute zusammen. Sie hätte daran denken müssen, sie hätte Rick fragen müssen: natürlich gab es einen zweiten Zugang zum Treppenhaus. Die Angreifer hatten sich geteilt. Während eine größere Gruppe La Rena und ihrem Trupp gefolgt war und ihn durch halbherzige Attacken gebunden hatte, hatte ein einzelner der Riesen einen alternativen Weg gewählt. La Rena seufzte innerlich. Für einen Moment fühlte sie sich schuldig. Sie wusste nicht, ob Rick seine Nachricht erfolgreich hatte absetzen können. Vielleicht war ihre Mission gescheitert, weil sie, La Rena, die Lage nachlässig beurteilt hatte.

Sie schlichen dem Riesen und seinem Opfer hinterher. La Rena hörte den Riesen hinunterstampfen. Jeder einzelne seiner Schritte brachte das Treppengerüst zum Schwanken. Der Weg hinunter war lang und gab La Rena zu viel Zeit zum Denken. Sie spürte die Unruhe, die Angst in ihr stärker werden. Vorsichtig beugte sie sich über das Geländer. Sie sah den Riesen - und sie sah Rick, der wenige Meter vor dem Riesen herging. Ihre Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Er war nicht tot, aber er war immer noch ein Gefangener und sie hatte keinen Plan zu seiner Befreiung.

Unten sah sie die helle Öffnung zur Schleuse.

"Die Stolperfalle!", flüsterte einer ihrer Männer und La Rena zuckte zusammen. Sie sah, wie Rick auf das Licht zuging. Ihre Hände umklammerten das Geländer. Sie wollte eine Warnung schreien, aber ihr Verstand hielt ihren Mund fest geschlossen. Hilflos beobachtete sie, wie Rick zügig und ohne zu zögern auf sein Verderben zuging. Nur noch ein kleiner Schritt …

Überraschend blieb Rick stehen und wandte sich dem Riesen zu. Sie tauschten ein Paar Worte. Unwillig drohte der Riese mit seiner Waffe. Rick drehte sich und machte in der Bewegung einen großen Schritt vorwärts über die Falle hinweg. Der Riese folgte ihm.

Die Explosion dröhnte durch das Treppenhaus. Die Metallkonstruktion erzitterte. La Rena zögerte nicht. Sie rannte die Stufen hinunter, die Waffe schussbereit in ihren Händen. Sie rannte vorbei an dem blutigen Körper des Riesen. Sie fand Rick hinter einem schmalen Vorsprung. Er lehnte an der Wand und grinste benommen ins Leere.

La Rena kniete neben ihn nieder. Sie schluckte mehrfach. "Das war eine gute Idee", brachte sie schließlich hervor.

"Zu knapp", antwortete er heiser, "und ich hatte nicht erwartet, dass es funktioniert."

Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf. "Wir sollten verschwinden."

"Du hattest Erfolg?", fragte La Rena. "Die Anderen werden uns helfen?"

"Ja. - Komm." Er ergriff ihre Hand und zog sie mit hoch.

"Sind es deine Leute? Wann kommen sie?", drängte sie weiter. "In wie viel Tagen? In wie viel Wochen?"

"Genügt es nicht, dass sie kommen?", fragte er zurück.

Sie hakten das Seil in die Laufösen an ihren Gürteln. Schnell glitten sie hinunter. Unten wartete der General mit einem offenen Lastwagen auf sie. La Rena und Rick setzen sich neben ihn, während die Soldaten auf der Ladefläche Platz fanden. La Renas Vater stellte keine Fragen. Der Wagen schoss davon.

Der Himmel war voller Gleiter. Sie kamen mit hoher Geschwindigkeit aus der Ferne und stauten sich vor den Schleusen der Schiffe.

Der General sah den Blick seiner Tochter. "Ganz plötzlich spielten die Riesen verrückt. Sie scheinen es sehr eilig zu haben, wegzukommen." Er grinste. "Deshalb weiß ich, dass ihr Erfolg hattet."

"Stopp!", sagte Rick unvermittelt.

La Renas Vater bremste abrupt. "Was …?", begann er seine Frage.

"Dies ist der Moment, auf den wir gewartet haben", sagte Rick und kletterte aus dem Wagen. "Wir sollten ihn genießen."

Er bot La Rena seine helfende Hand an. Nebeneinander stiegen sie einen kleinen Hügel hinauf.

Die Gleiter verschwanden in den stählernen Bäuchen der Schiffe. Noch während die Schotte sich schlossen, startete das erste mit ohrenbetäubendem Getöse. Dann das zweite. Sie wurden zu kleinen dunklen Punkten vor dem hellblauen Himmel. Eine starke Bö wehte den Hügel hinauf.

"War es das?", fragte La Rena ungläubig.

"Warte. Ich würde mich doch sehr wundern, wenn …"

Es war ein warmer Sommertag. Keine Wolke stand am Himmel. Und doch zuckten grelle Blitze über den Horizont.

Rena umfasste Ricks Arm. "Was ist das?"

Er antwortete nicht. Er bedeckte seine Augen und starrte hinauf. Nach wenigen Sekunden stand eine zweite Sonne am Himmel, dann eine dritte. Sie dehnten sich aus und verloschen.

Fünf schnell größer werdende dunkle Punkte sanken herab.

"Das war's", sagte er. "Eine Patrouille der Arkoniden. Zufällig ganz in der Nähe. Und", fügte er hinzu, "die Arkoniden sind bekannt dafür, dass sie erst schießen und dann fragen. Vor allem, wenn man sie entsprechend vorbereitet."

"Es ist wirklich vorbei!", sagte La Rena. Dann, nach einem kurzen Moment, lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter.

5.2. Rick - Die Zukunft

Die KANE 8 schwebte abseits der Stadt über einem großen Feld. Die Besatzung überprüfte gewissenhaft die Container auf den Frachtdecks. Sie flanschten ein Standardmodul an die hintere Querwand, ließen es anlaufen, lasen die Werte ab und verglichen sie mit dem Soll. Danach schickten sie den Container auf seinen Weg - und begannen die Prozedur beim nächsten von vorne.

Der Kapitän, ein alter, erfahrenen Skipper, betrachtete kopfschüttelnd das Chaos. Er seufzte schicksalsergeben und verließ sich die gute Arbeit seiner Mannschaft. Ich verabschiedete mich von ihm und ließ ein Taxi kommen. Dem Fahrer nannte ich als Ziel eine Lagerhalle im Süden der Stadt. Ich lehnte mich in dem weichen Sitz aus imitiertem Leder zurück.

"Der Beginn einer neuen Zeit", sagte der Fahrer.

"Einer neuen, besseren Zeit", antwortete ich.

Der Wagen bog auf die Straße ein. Er beschleunigte und in einem Bogen umfuhr er die Stadtmitte. Durch das Seitenfenster sah ich hinaus. Noch litt diese Stadt unter den Folgen der Invasion. Aber die Menschen kehrten zurück; sie erschufen eine neue Stadt: einen brodelnden Quell von Leben inmitten der Verwüstung.

Das Taxi verlangsamte seine Geschwindigkeit. Es glitt fast lautlos an einem verwilderten Park vorbei und querte die Brücke über einem halb zugewachsenen See.

Die Container senkten sich aus der Höhe herab, schwebten wie von Geisterhand gelenkt durch das Tor zu einer großen Lagerhalle und stapelten sich im Innern. Der Vorplatz war abgesperrt. Hinter den flatternden, bunten Streifen aus Kunststoff standen gaffende Zuschauer. Das Taxi bahnte sich im Schritttempo seinen Weg durch die Menge. Ich bezahlte die Fahrt, stieg aus und ging über den knirschenden Sand. Neben dem breiten Eingangstor hing ein einfaches, handgemaltes Firmenschild. Es erfüllte keinen Sinn, da alle wussten, was sich hier befand. Es war nicht mehr als eine Geste.

Die Container enthielten zu einem kleinen Teil sorgfältig von der Zentrale zusammengestellte Warenmuster. Der weitaus größte Teil bestand aus einfach nachbaubaren Industriemodulen. Das Wichtigste jedoch, das die KANE 8 gebracht hatte, schwebte in einer stationären Umlaufbahn dieser Welt. Es war ein Satellit mit einem Hyperfunksender; für diese Welt das Tor zu einer schier unerschöpflichen Informationsquelle, einem Archiv, dessen Bedeutung der Öffentlichkeit erst langsam klar werden würde.

La Rena lief mir entgegen. Als Kind hatte sie den Tod ihrer Mutter und ihrer Geschwister mit ansehen müssen. Sie selbst hatte den Unfall nur mit Glück überlebt. Sie hatte sich an ihren Vater geklammert und später war sie in seine Fußstapfen getreten. Das Militär wurde ihr Leben. Sie hatte gelernt, dass eine Frau in einer Männerwelt vor allem eins sein musste: mehr Mann als die Männer. Diese Erfahrungen hatten sie zu einem perfekt funktionierenden Soldaten gemacht - und einsam.

Ich blieb stehen und erwartete sie mit halb geöffneten Armen. Sie hatte den Dienst bei der nicht mehr existenten und nicht mehr benötigten Armee quittiert. Sie hatte ihre Uniform endgültig abgelegt und es war ihr leicht gefallen. Nicht nur die Invasoren hatten diese Welt verlassen, auch La Rena hatte ihre Freiheit wiedererlangt. Sie hatte die Fesseln der Vergangenheit abgestreift und genoss ihr neues Leben.

Die Sonne stand über ihr. Ihr Haar wehte im Wind.

Ein Engel mit langem dunkelblonden Haar und dunklen schwarzen Augen sah mich lachend an und schenkte mir einen Kuss.

 

Ende


Bonus


Sie 

(aufgedreht): 

"Schatz, ich war beim Frisör!"

 

 

 

Er 

(leise und entsetzt): 

"Oh nein! Sie hat sich die Haare schneiden lassen!"

 

(laut und aufrichtig): 

"Der kurze Schnitt steht dir gut, Schatz. Und er ist sicher viel praktischer."

 

(leise und mit Grauen): 

"Als nächstes lässt sie sich Locken legen."

 

Ende
Top