Sternenkratzers Geschichten

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Jasper
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Jasper
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"Jasper" © by Sternenkratzer, März 2001

Auschnitt aus dem Titelbild von PR 2065
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1. Jasper, der Frischling
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Die Hundertsonnenwelt war nicht Jaspers erste Station als designierter Diplomat der LFT. Aber in seinen Augen war es die bisher unbedeutendste. Seine Akkreditierung wertete er als misstönendes Interludium auf seinem Karriereweg.

Was sollte hier, am Ende des zivilisierten Universums, schon aufregendes geschehen? Nein - diese Welt lag eindeutig unter seiner Qualifikation. Arkon, das Galaktikum, - das wäre eine Herausforderung an sein Talent und an seine Fähigkeiten! Davon träumte Jasper, und er war sich sicher, dass er dieses Ziel in nicht allzu ferner Zukunft erreichen würde.

In den Augen der menschlichen Einwohner von Suntown, der einzigen und kleinen Stadt auf der Hundertsonnenwelt, war Jasper jedoch ein Frischling, der sich noch die Hörner abstoßen musste. Er würde früh genug lernen, dass die Heimatwelt der Posbis ihre ganz eigenen Tücken in sich barg.

2. Jaspers Wünsche
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Das Unheil ereilte Jasper zwei Wochen nach seiner Ankunft.

Er lungerte gelangweilt in seinem Sessel herum. Träge wanderte sein Blick durch den Raum und blieb schließlich an der am Schreibtisch vor ihm sitzenden Kollegin haften. Jasper hätte sie gerne näher kennen gelernt.

Er beugte sich vor. Er seufzte. Als sie nicht reagierte, beugte er sich noch weiter vor und seufzte lauter ein zweites Mal. Die junge Frau ergab sich in ihr Schicksal. Sie drehte sich ihm zu und sah ihn missbilligend an.

Jasper sagte: „Noch eine Stunde bis zum Dienstschluss! - Ich wünsche mir, wenn ich nach Hause komme, ein gut angebratenes Steak, ein heißes Schaumbad, eine ruhige Stunde auf dem Sofa im Wohnzimmer und dann …”

Tief blickte er ihr in die großen, braunen Augen. Bedeutungsvoll und mit dunkel reibender Stimme fuhr er fort: „… und dann ein weiches, warmes Bett mit einer weichen, warmen Frau.”

Sie verdrehte die Augen. Sie hatte, wie auch die anderen weiblichen Angestellten der Botschaft, langsam aber sicher genug von Jaspers aufdringlichen, an Plumpheit kaum zu übertreffenden Angeboten.

„Nicht mit mir!”, antwortete sie kurz, zeigte ihm ihre kalte, wenn auch bemerkenswert hübsche Schulter und ignorierte ihn im weiteren.

3.     Jaspers gute Feen
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Die Worte, die Jasper zum Verhängnis wurden, waren: „Ich wünsche mir”.

Was seiner Aufmerksamkeit entgangen war, das waren die vier Mattenwillys, die sich im Hintergrund des Raumes ineinander verknäuelt hatten. Die Mattenwillys waren ein vertrautes Bild in der Stadt. Man gewöhnte sich schnell an sie, und danach übersah man sie in der Regel ganz einfach. Aber selbst wenn Jasper die vier Mattenwillys in der Ecke bewusst wahrgenommen hätte, er hätte vermutlich trotzdem nicht an die möglichen Folgen seiner Worte gedacht.

Als Jasper „Ich wünsche mir” sagte, merkten die vier Mattenwillys auf. Sie formten aus ihrer Körpermasse besonders große Ohren und lauschten. Kaum hatte Jasper ausgesprochen, wuselten sie aufgeregt durcheinander, und nachdem sie sich beruhigt hatten, machten sie sich unverzüglich auf den Weg. Irritiert und verständnislos sah Jasper ihnen nach.

Fünfzehn Minuten später hatten die Mattenwillys Jaspers Adresse aus dem Personalverzeichnis der Botschaft herausgesucht. Weitere fünfzehn Minuten später lagen sie vor der verschlossenen Tür zu seiner Wohnung. Sie entdeckten eine nur wenige Millimeter große Lücke und quetschten sich gleichzeitig hindurch.

Der erste Mattenwilly fand nach sorgfältiger Suche, in und außerhalb des Küchenbereiches, schließlich im Kühlschrank ein in Steakform gepresstes Stück Fleischsurrogat. Er bildete zwei dünne Arme mit mehrfingrigen Händen aus. So gut er konnte entfernte er die am Fleisch festgefrorene Tiefkühlfolie. Er richtete sich auf zu einer dicken, einer Wurst nicht unähnlichen Säule, ließ das Surrogat in den Aufbereiter gleiten und startete das richtige Programm für die Zubereitung. Das Fleisch zischte und brutzelte. Der Mattenwilly fuhr in sicherer Entfernung und Höhe ein Auge aus. Zufrieden beobachtete er, wie das Steak mitsamt den Resten der Folie auf der unteren Seite qualmend verbrannte, während auf der oberen der Frost schmolz und verdampfte.

Der zweite Mattenwilly streckte seinen Körper lang und machte es sich auf dem Rand der Badewanne bequem. Sorgfältig verschloss er den Abfluss mit dem dazugehörigen Stöpsel. Er drehte den Hahn auf. Das Wasser schoss dampfend in die Wanne. Auf einer kleinen Ablage entdeckte der Mattenwilly eine Flasche mit Badezusatz. Er nahm sie, öffnete sie und ließ ein paar Tröpfchen in das Wasser fallen. Sie lösten sich auf, und auf dem Wasser bildete sich Schaum. Begeistert leerte er die fast volle Flasche ganz. Danach beobachtete er zufrieden, wie der Wasserspiegel stieg und stieg und wie sich mehr und mehr Schaum bildete.

Der dritte Mattenwilly lag flach im Wohnzimmer. Er sah sich um und fand nichts. Er formte ein riesiges Ohr und lauschte, es in alle Richtungen drehend, aufmerksam. Aus der  Küche vernahm er das zischende Brutzeln des Steaks und aus dem Badezimmer das Rauschen des Wassers. Er filterte diese beiden Geräusche heraus und was blieb, war ein leises Summen. Der Mattenwilly stürzte sich auf die Lärmquelle. Der kleine Haushaltsroboter, der gerade zu diesem Zeitpunkt mit der täglichen Wohnungsreinigung begonnen hatte, war ohne jede Chance. Der Mattenwilly begrub ihn unter sich, und der Roboter stellte sofort jede Tätigkeit ein. Der Mattenwilly wusste, dass wenn er seinen umfassenden Griff lösen würde, der Lärm wieder einsetzen würde. Er modellierte diverse Werkzeuge aus seiner Körpermasse. Wenige Minuten später war der Roboter offen und weitere wenige Minuten später fast vollständig zerlegt. Der Mattenwilly blies die aus dem Sammelbehälter des Roboters aufsteigende Staubwolke zur Seite. Er blickte mit sich selbst sehr zufrieden auf die über dem Boden verstreuten Einzelteile hinab.

Der vierte Mattenwilly kam sich überflüssig vor. Er war zusammengesunken zu einem breiten Fladen und mehrere traurig blickende Augen hingen an aus seinem Körper ragenden Augenstielen. Deprimiert floss er durch die Räume. Mit dem ersten Auge schielte er in die Küche, mit dem zweiten ins Badezimmer und mit dem dritten ins Wohnzimmer. Neidisch stellte er fest, dass es für ihn nichts mehr zu tun gab. Aber der Drang zu helfen und zu pflegen war ihm wie allen Mattenwillys angeboren. Er war fest in ihren Genen verankert. Der Drang war da, und es war unmöglich, ihn zu unterdrücken. Schließlich brach er sich seine Bahn. Der Mattenwilly fand die Lösung seines Problems im Schlafzimmer, auf der untersten Borte des Nachttisches. Weit hinten, fast versteckt lag dort ein Magazin mit 3-D-Aufnahmen. Die Bilder zeigten meist gering oder gar nicht bekleidete Frauen mit einem sehr ausgeprägten Körperbau. Nie zuvor hatte der Mattenwilly derartige Proportionen bei den Frauen in der Stadt bemerkt. Auch die Art und Weise, in der die Frauen sich in dem Magazin präsentierten, war zumindest für den Erfahrungsbereich des Mattenwillys ungewohnt. Der Mattenwilly betrachtete die Abbildungen genau und von allen Seiten. Die äußere Form und auch die wenige Kleidung konnte er ohne weiteres nachbilden. Er betonte noch etwas, hier und dort, und übte die richtigen Stellungen vor dem großen Spiegel. Das Ergebnis war nicht perfekt, doch der Mattenwilly war sehr zufrieden mit sich selbst, und er freute sich auf Jaspers angenehm überraschtes Gesicht..

4. Jaspers Schreck
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Jasper, noch eingeschnappt und voller Unverständnis über die allzu deutliche Ablehnung seiner jungen Kollegin, öffnete die Tür zu seiner Wohnung.

Seine Ausbildung machte sich bezahlt. Oder vielleicht, mit größerer Wahrscheinlichkeit, war es auch nur der Schock, der ihn erfasste, seine Gedanken lähmte und sein Gesicht in eine steinerne Maske verwandelte.

Nachdem er sich wieder halbwegs gefangen hatte, klemmte er sich den Mattenwilly aus der Küche unter den linken Arm, den aus dem Badezimmer unter den rechten Arm und zog mit den so frei gebliebenen Händen den dritten Mattenwilly aus dem Wohnzimmer. Dann überzeugte er die drei ruhig aber bestimmt davon, dass es sein größter Wunsch war, alleine zu sein, damit er die Annehmlichkeiten, die sie für ihn vorbereitet hatten, auch wirklich und uneingeschränkt würde genießen können. Als er die drei Mattenwillys endlich erfolgreich aus seiner Wohnung bugsiert hatte, atmete er langsam und tief durch. Er lobte sich selbst ob seiner diplomatischen Fähigkeiten. Dann machte er sich daran, das Chaos wieder zu richten.

Als alles getan war, die Küche sauber und gelüftet, das Badezimmer trocken, das Wohnzimmer staubfrei und die Einzelteile des zerlegten Roboters eingesammelt und verstaut, war Jasper rechtschaffen müde.

Er ging ins Schlafzimmer.

Er zog sich aus.

Er schlug die Bettdecke zur Seite.

Er sah hinunter.

Er …

…. begann …

… hysterisch zu schreien.

5. Jaspers Ende
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Der vierte Mattenwilly fuhr ein Auge aus und musterte den auf dem Boden liegenden, nackten, wild zappelnden und unartikulierte Laute von sich gebenden Mann. Der Mattenwilly glitt hilfsbereit auf ihn zu. Jaspers Gesicht verzerrte sich, und er kroch rückwärts und hektisch von dem Mattenwilly weg, bis die Wand ihn stoppte.

Der Mattenwilly näherte sich ein zweites Mal.

Doch er kam um die Erkenntnis nicht herum, dass er selbst irgendetwas mit dem seltsamen Verhalten des Menschen zu tun haben musste. Und tatsächlich, als er sich entgegen dem Drängen seines Instinktes von dem offensichtlich Hilfsbedürftigen zurückzog, beruhigte sich dieser, ohne jedoch den Mattenwilly aus dem Blick seiner irr flackernden Augen zu lassen.

Die Sorge um den Menschen ließ dem Mattenwilly nichts anderes übrig, als ins Wohnzimmer zu wallen und den Notdienst zu benachrichtigen.

Wenige Minuten später traf die Ambulanz ein. Jasper klammerte sich an dem Sanitäter fest und stammelte unverständliche, weinerliche Worte. Er erntete beruhigend gemeinte Schläge auf den Rücken und sanftes, bedeutungsloses Gemurmel.

Der Sanitäter, nicht wissend, was eigentlich genau vorgefallen war, entschied, Jasper zu dessen eigenem Besten für diese eine Nacht im Krankenhaus unterzubringen.

Und das war das Ende von Jaspers diplomatischer Karriere.

Denn natürlich war gerade das Krankenhaus in Suntown der Ort auf der Hundertsonnenwelt - abgesehen von den Kuppeln des Zentralplasmas - mit der größten Dichte überhaupt an überaus freundlichen und hilfsbereiten Mattenwillys, die geradezu danach dürsteten, den Patienten jeden Wunsch, mochte er auch noch so klein und unbedeutend sein, von den Augen abzulesen und zu erfüllen.

 

Ende
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