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Episode am Abend
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Episode am Abend
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"Episode am Abend"

© by Sternenkratzer, April 2002

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1
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Das Blaulicht eines Polizeiautos, der Lichtkegel einer Straßenlaterne, ein Kleinwagen mit geöffneter Tür, ein Polizist in Uniform und neben ihm eine sichtlich geschockte junge Frau.

Das Bild wirkte auf mich so surreal wie die Szenerie auf einer Theaterbühne.

Der rechte Scheinwerfer des Kleinwagens war gesplittert. Ein zweiter Polizist, ein paar Dutzend Meter weiter die Straße hinunter, stand mit dem Rücken zu mir. Er drehte sich, kam mir entgegen und wir gingen wortlos aneinander vorbei.

Ich bog in die Einfahrt ab, die zu meiner Wohnung führte. Fast wäre ich gestolpert. In der dunklen Ecke zwischen dem Tor und der niedrigen Gartenmauer saß ein Mann auf dem Boden. Er lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand. Seine Jacke war schäbig und zerknittert, die Hose schmutzig und eingerissen. Sein Haar war zerzaust, das Gesicht unrasiert. In den Armen und fest an die Brust gedrückt hielt er die Plastiktüte eines Billigmarkts. Aus ihr ragten die Hälse von Schnapsflaschen. Die von dem Mann wegfließende Lache ließ mich angewidert die Nase rümpfen.

Ich stieg über seine Beine und die Pfütze hinweg, öffnete das Tor und verriegelte es hinter mir.

Am nächsten Morgen war der Mann verschwunden. Die Lache jedoch war noch da. Sie war größer als ich sie in Erinnerung hatte. Mein Schritt stockte und ich starrte auf sie hinunter. Sie war eingetrocknet. Es war kein Urin oder Alkohol, wie ich angenommen hatte. Die Farbe zeigte mir die Wahrheit.

Es war die Farbe von Blut. Dunklem, rotem Blut.
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Ende
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