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Sein bester Freund
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Sein bester Freund
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"Sein bester Freund"

© by Sternenkratzer, Februar 2002

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Jürgen liebte die Ordnung. Auch auf diesen Samstag, nach einer anstrengenden Woche auf Montage, hatte er sich gründlich vorbereitet.

Er stand bei Sonnenaufgang auf, während seine Frau noch schlief. Er frühstückte und las die Wochenendausgabe der Tageszeitung. Er mähte den Rasen - mit dem kleinen Handmäher - und begradigte die Kanten. Er zupfte das Unkraut aus den Beeten, harkte sie sorgfältig und nässte sie mit erdkühlem Wasser aus dem selbstgebauten, gusseisernen Brunnen. Es war ein schöner und sonniger Sommertag. Alles fügte sich perfekt zusammen. Jürgen fühlte sich sehr wohl.

Mit seiner Frau, die den Vormittag im Haus mit ihren eigenen Tätigkeiten verbracht hatte, aß er auf der Terrasse zu Mittag. Danach zog er sich in seine Werkstatt zurück. Jürgen musterte den Raum kritisch. Ein leerer Plastikeimer stand unter der Werkbank, auf ihr lagen nebeneinander ein dünnes Seil, ein Rolle aluminiumbeschichtetes Klebeband, ein großes Fleischmesser und eine blumengemusterte Schale mit Karotten: lang, dick, aus dem eigenen Garten und frisch geputzt. Alles war sauber, alles war an seinem Platz, alles war genau so, wie es sein musste.

Alles war vorbereitet für den Besuch seines besten Freundes.

*

Roland hatte keine Chance. Der Angriff überraschte ihn vollkommen. Jürgen bog Rolands Arme auf den Rücken, wickelte das Seil um die Handgelenke und band es am Schraubstock fest. Das längere lose Ende schlang er um Rolands Fußknöchel und verknotete es. Die ganze Aktion war für Jürgen, da vorher geübt, eine Sache von nur wenigen Handgriffen und Augenblicken.

Roland rüttelte und zog, doch es gelang ihm nicht, seine Fessel zu lösen.

Jürgen achtete nicht auf die sinnlosen Bemühungen seines besten Freundes. Er nahm das Messer von der Werkbank. Er hielt die Klinge hoch. Das durch ein schmales Fenster einfallende helle und warme Sonnenlicht spiegelte sich auf dem blanken Metall.

"Du willst mich doch nicht wirklich deshalb umbringen?" Rolands Tonfall war eine Mischung aus Unglauben und Angst.

"Ich hab' lange drüber nachgedacht", antwortete Jürgen. "Es gibt nur eine passende Strafe für das, was du getan hast."

Er nahm eine der Karotten aus der Schale und schnitt sie in der Mitte durch. Er runzelte die Stirn. Er öffnete die Schublade der Werkbank und griff nach einem Fläschchen mit Schleiföl. Er gab einen Tropfen auf die Schneide des Messers und ließ ihn verlaufen. 

"Du hast mit meiner Frau geschlafen", stellte er fest. "Das hättest du nicht tun dürfen."

"Oh Mann, Jürgen! Sie ist eine Nymphomanin. Alle haben mit ihr geschlafen!"

"Ich weiß, dass Marianne 'ne Nymphe ist", sagte Jürgen. Er setzte einen feinkörnigen Schleifstein an und führte ihn mit sanftem Druck, ausgehend vom Heft und in kleinen Kreisen, über die Schneide. "Ich hab's schon gewusst, als wir geheiratet haben. Am Anfang habe ich sie nie aus den Augen gelassen. Aber dann das Haus ... Marianne wollte ein eigenes Haus. Das Geld reichte nicht. Also ab auf Montage. - Ich bin die ganze Woche auf Montage. Ich weiß, dass Marianne das nicht aushält. So lange ohne Mann, meine ich. Vermutlich geht sie gleich am Montagmorgen den Briefträger an. Ganz sicher sogar. Aber ... ich hab' ihn nie getroffen, den Briefträger, und will ihn gar nicht treffen. Ich kenn'  ihn nicht. Aber dich kenne ich. Und du bist mein bester Freund. Und der beste Freund schläft nicht mit der Frau seines besten Freundes. Auch nicht, wenn sie eine Nymphomanin ist."

Roland blieb stumm. Wie hypnotisiert verfolgte er die ruhigen, methodischen Bewegungen mit denen Jürgen das Messer schliff.

"Ich kann's verstehen", fuhr Jürgen nach einer kleinen Pause fort, in der man nur das leise Schaben des Schleifsteins auf dem Metall hörte. "Marianne hat was." Er hob die Hände und wog zwei unsichtbare Brüste. "Sie ist nicht so eine magere Bohnenstange wie deine Christa."

"Willst du die anderen und den Briefträger auch umbringen?", stieß Roland hervor.

Jürgen schüttelte den Kopf. "Die anderen sind nicht meine besten Freunde." Er betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Schneide und prüfte sie mit dem Finger. "Wie lange sind wir schon befreundet?", fragte er ohne eine Antwort zu erwarten. "Verdammt lange. Schade, dass es so zu Ende gehen muss."

Von draußen klang Mariannes helle Stimme herein. Jürgen lauschte. "Sie ruft nach mir. - Ich sollte mich beeilen."

Mit einem Leinenlappen wischte er das schmutzige Öl von der Klinge. Er legte das Messer zurück auf die Werkbank. Von der Rolle Klebeband riss er ein ausreichend langes Stück ab. 

*

"Was hast du jetzt schon wieder vor?", fragte Roland unsicher.

"Ein Knebel", erklärte Jürgen. "Halt still."

Roland warf den Kopf hin und her. Jürgen packte ihn am Kinn und hielt es mit der einen Hand, während er mit der anderen das Band über den Mund klebte.

Roland brummte Unverständliches. Seine Augen waren weit aufgerissen.

"Ich hab' das noch nie gemacht", sagte Jürgen. "Aber ich denke, es wird eine Riesenschweinerei werden." Mit dem Fuß angelte er nach dem Plastikeimer unter der Werkbank und schob ihn vor Rolands Beine.

Er nahm eine besonders dicke und lange Karotte aus der Schale. Die Klinge des Messers ging durch sie hindurch wie durch Butter. Jürgen nickte zufrieden.

"Ich werde dich nicht umbringen", sagte er nachdenklich. "Aber Strafe muss sein."

Mit einer kurzen, abgehackten Bewegung aus dem Handgelenk und vollkommen mühelos teilte er mit der äußerst scharfen Schneide des Messers eine zweite Karotte.

Und endlich begriff Roland, was sein ehemals bester Freund beabsichtigte.

Der Knebel dämpfte seinen plötzlichen, verzweifelten Schrei nur wenig.
 
 

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Ende
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